PAUKEN & Trompeten : Musik für Bahnhöfe

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Kinder und Tiere gehen immer, alte Regel im Zeitungsgeschäft. Dem Julius-Stern-Institut dürfte es nicht schwerfallen, am Montag den hauseigenen Saal in der Bundesallee zu füllen und das Jugend-Konzert-Publikum in die übliche Schockstarre aus Staunen und Bewunderung zu versetzen. Ab 18 Uhr spielen zehn ultrahochbegabte Jungstudierende Telemann und Clementi, Bartók und Liszt, also eigentlich nichts als Geige und Klavier. Geige und Klavier sind offenbar noch immer die must haves jugendlicher Klassikbegeisterung, dazwischen käme höchstens noch die Gitarre, aber mit der bewegt man sich bereits in gefährlicher Nähe zum unernsten Segment. Nur der 18-jährige Adrian Simon wird sich an diesem Abend dem Saitenrausch verweigern und Posaune spielen, ein Instrument, das der Verband Deutscher Musikschulen nicht einmal führt in seiner Liste der am häufigsten gewählten Instrumentalfächer. Wir wünschen Adrian daher besonders aufmerksame Zuhörer, immerhin spricht es massiv für sein Können, dass sein Auftritt am Schluss des Konzerts liegt. „Headliner“ heißt das bei den Unernsten.

Gerade rechtzeitig werden die Klaviereleven das Konzert verlassen können, um die Fahrt ins Konzerthaus zu schaffen, wo der chinesische Pianist und Chopin-Wettbewerb-Gewinner Yundi Li im Kammermusiksaal Werke von Frédéric Chopin spielt, darunter das berühmte Andante spianato mit der Grande Polonaise brillante op. 22. Der Abend mit den Jungstudierenden vom Julius-Stern-Institut eröffnet im Übrigen die 26. Berliner Sommeruni, die in diesem Jahr unter dem Thema „Zukunft: Herausforderungen kreativ wahrnehmen und gestalten“ steht.

Andernorts wird ebenfalls kräftig eröffnet. Die Klassik-Lounge vom Kulturradio nimmt nach der Sommerpause ihren Betrieb wieder auf und lädt am Donnerstag das famose Kuss Quartett ins Watergate ein, wo die Clubbesucher introspektive Streichquartettmusik von der Renaissance bis zur Moderne hören können, bald auf der Grundlage von John Bennets schmerzlich ziehender Madrigalweise „Weep, o mine eyes“, dann wieder mit Harrison Birtwistles „Movements for String Quartet“, entstanden nach der Lektüre von Gedichten Paul Celans.

Beim Festival „Ankunft: Neue Musik“ öffnet man sich einmal mehr den vielen noch flüchtigen Publikumsschichten. Die Zeitgenössische Oper Berlin (ZOB) trotzt auf Ebene 0 des Hauptbahnhofs den Geräuschen der abfahrenden, ankommenden, sich verspätenden Züge – beziehungsweise lässt diese Geräusche überhaupt erst, na ja, zum Zuge kommen. So im elektroakustischen Schlagzeugballett „Ballet Bang Bang“ von Simone Leona Hueber und Frank Niehusmann am Mittwoch oder in Yoriko Ikeyas Klavierkonzert am Freitag, bei dem Werke von Sidney Corbett, György Ligeti und Toru Takemitsu erklingen und hoffentlich auch gut hörbar sein werden. Denn die ZOB möchte „Durchreisende, Flaneure und Neugierige“ für Neue Musik gewinnen, Menschen also, die manchmal viel Zeit haben, manchmal aber auch so wenig, dass sie jeden anraunzen, der mit Harfentasche oder Kontrabasskasten im Weg steht. Dann lieber auspacken und spielen.

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