PAUKEN & Trompeten : Nasse Noten

Jörg Königsdorf freut sich auf ein funkelnagelneues Violinkonzert

Jörg Königsdorf

In den letzten zwei Jahren hat Jörg Widmanns Violinkonzert alle Beteiligten mächtig Nerven gekostet. Eigentlich sollte das Opus, das die Junge Deutsche Philharmonie bei dem viel beschäftigten Münchner bestellt hatte, schon 2005 fertig sein, doch der mit Aufträgen nachgerade zugepflasterte Widmann wurde einfach nicht fertig. Alles stand auf Messers Schneide, und bis Ende August war noch gar nicht klar, ob der Herrgott sich erbarmen und das geplagte Komponistenhirn mit einem Inspirationsfunken erleuchten würde. Doch alles wurde gut: Zwei Tage vor Probenbeginn waren die Noten fertig gedruckt, und die ganze letzte Woche über haben die Jungphilharmoniker zusammen mit dem Solisten Christian Tetzlaff das ersehnte Stück im UdK-Konzertsaal uraufführungsreif geprobt.

Am Dienstag kann man das neugeborene Werk nun im Konzerthaus (Gendarmenmarkt, 20 Uhr) bestaunen, falls der Komponist nicht in letzter Minute einen Unzufriedenheitsanfall bekommt, aufs Podium steigt und die Noten eigenhändig wieder einsammelt – wie es einst Debussy vor der geplanten Uraufführung eines seiner frühen Orchesterwerke getan hat. Manfred Honeck, der neue Stuttgarter Opern-Chefdirigent, koppelt das Widmann-Werk sinnfällig mit Bruckners neunter Sinfonie: Der gigantische Dreisatz-Torso ist schließlich eines der berühmtesten Beispiele dafür, dass Komponisten schon das ganze 19. Jahrhundert über vor dem gleichen Problem standen, das der Musikwissenschaftler Peter Gülke in einem Interview einmal „das Trauma der Vollendung“ nannte.

Dennoch ist es heute natürlich schwieriger, ein Violinkonzert zu schreiben, als noch vor hundert Jahren. Allein, weil sich heute kaum ein Komponist mehr trauen würde, unter Rückgriff auf bewährte Formen einfach ein Konzert nach dem anderen zu schreiben – in der Hoffnung, dass eins davon ein Hit wird. Die in Berlin lebende Unsuk Chin beispielsweise, deren Violinkonzert vermutlich das beste Werk dieser Gattung in den letzten zwanzig Jahren ist, weist den Gedanken weit von sich, auf den Welterfolg noch eins draufzusetzen – in diesem Konzert sei alles enthalten, was sie zum Thema Violine und Orchester zu sagen habe. Punkt. Eine Auffassung, die klar die Anforderung umreißt, die Komponisten an sich selbst stellen, aber auch den Druck erklärt, der auf ihnen lastet. Unsuk Chin soll übrigens bis nächstes Jahr ein Cellokonzert schreiben. Mal seh’n, ob’s rechtzeitig fertig wird.

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