PAUKEN & Trompeten : O Täler weit, o Höhen

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Frische Nahrung, Frühlingswetter, das sind die must haves dieser Tage. Dazu vielleicht noch ein bisschen Musik? Unvergessen allerdings, wie peinlich es dem jungen Theodor W. Adorno war, mit seinen singenden Verwandten durch den Wald zu spazieren. Das kann uns Heutigen nicht mehr passieren – kaum jemand kennt das seinerzeit angestimmte „O Täler weit, o Höhen“ noch auswendig, und außerdem würde man nur über Nordic-Walking-Stöcke stolpern oder mit Mountainbikern zusammenstoßen. Keine gute Voraussetzung für dieses bekannteste aller Lieder vom schönen, grünen Wald. Wie gut, dass stattdessen ein anderer, exzellent vorbereiteter musikalischer Ausflugstag ins Haus steht: Solisten und Ensembles der Berliner Philharmoniker laden an diesem Sonntagnachmittag zur „RadialPhilharmonischen Expedition“, zur Kammermusik im und am Radialsystem ein. Die philharmonischen Schlagzeuger etwa spielen Stücke von Steve Reich. Fora Baltacigil und Janusz Widzyk bringen Musik ihres Kontrabassvirtuosenkollegen Giovanni Bottesini (1821–1889) zu Gehör. Es gibt eine Tango-Jazz-Darbietung des Ensembles „Bolero Berlin“ und eine Interpretation von Heinz Holligers „Cardiophonie“ für Oboe und drei Magnetofone, als neuartige Aufführungsgenres zudem „Musik zu Wasser“ und „Musik ungefähr 2 cm unter den Zinnen des Radialsystems“ – dort allerdings muss man sich den Zugang erst mit etwas Glück erwürfeln. Zum Abend hin werden sich die Ensembles in die Hallen des heimischen Kammermusiksaales verlegen, wo weitere fantastische Kleinodien dargeboten werden, darunter die Arie der Dido von Henry Purcell in einer Bearbeitung für Saxofon, Bandoneon, Vibrafon und Kontrabass oder die „Schilflieder“ von August Klughardt (1847–1902), gesetzt für Oboe, Viola und Klavier.

Ohne sich weiter bewegen zu müssen, kann man unterdessen am nächsten Samstag im Konzerthaus das Phänomen „Alte Musik“ in seiner breitesten Spielart kennenlernen. „Alt“ bedeutet in der Musik seit den 1950er Jahren „Frische“ oder „Neuer Frühling“. Andererseits heißt „alt“ auch dort manchmal nur „gewohnt, abgespielt und in die Jahre gekommen“. Inwiefern Instrumentenbau, Repertoire, Spielweise oder sogar das Zuhören „alt“ sein können oder doch nur „alt“, all das lässt sich im Konzerthaus erfahren, wo auf Einladung internationaler Spezialisten innovative Ensembles aus Russland, Italien, Spanien oder der Schweiz zu einer Langen Nacht der Ideen zur „Zukunft@AlteMusik“ zusammenkommen und selbst Kostproben einer „hiphop breakdance opera“ zu hören sein werden.

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