PAUKEN & Trompeten : Orest- Posten

Jörg Königsdorf wünscht sich beim Opernpublikum mehr Entdeckerfreude

Jörg Königsdorf

Der Titel ist nicht nur eine Ehre, sondern offenbar auch gute Werbung: Seit die Komische Oper sich „Opernhaus des Jahres“ nennen darf, sind offenbar etliche Berliner wie auch Kulturtouristen erst auf das Haus in der Behrenstraße neugierig geworden. Die Repertoirevorstellungen von Mozarts „Don Giovanni“ sowie „Figaros Hochzeit“ sind mit einem Mal rappelvoll und die Lacher, die beispielsweise Leporello für seine inzwischen über 200 Jahre alten Witze in jeder Vorstellung erntet, zeigen, dass etliche Besucher hier ihren Erstkontakt mit den großen Mozartopern erleben.

So schön das ist, hat die Sache dennoch einen Haken: Der Zustrom von Opernneulingen füllt zwar die bekannten Stücke, nicht aber die Raritäten wie Händels „Orest“, der gerade wieder für ein paar Vorstellungen auf dem Spielplan steht (nächster Termin Mittwoch). Wer zum ersten Mal in die Oper geht, sucht sich eben lieber ein Stück aus, das ihm schon vom Titel her etwas sagt, und da hat Händels nahezu unbekannte Version der „Iphigenie auf Tauris“ schlechte Karten.

Dabei wäre gerade diese Produktion bestens geeignet, ein Publikum zu interessieren, das sonst lieber ins Theater geht. Denn Regisseur Sebastian Baumgarten ist nicht nur einer der großen Hoffnungsträger der Szene, sondern auch ein Radikaler: Er gehört zu denjenigen Musiktheatermachern, die alle herkömmlichen Operngesten hassen wie der Teufel das Weihwasser. Das Orchester sitzt auf der Bühne, keine Dekoration verstellt den Blick auf die Darsteller und auch die Gefühle liegen blank. Und wenn die Menschen auf der Bühne nicht so schön singen würden, man könnte glatt vergessen, dass man in einem Opernhaus sitzt.

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