PAUKEN & Trompeten : Papa auf dem Podium

Jörg Königsdorf

Irgendetwas muss in Dirigentenfamilien anders sein. Denn während Bauern und Bäckermeister resignieren, weil ihr Nachwuchs partout nicht dem Brotberuf seiner Erzeuger nachgehen will und selbst die Zöglinge millionenschwerer Konzernchefs keinen Bock auf Chefetage haben, scheinen Dirigentenkinder darauf zu brennen, in die Fußstapfen ihrer Väter zu treten. Bei Sanderlings zum Beispiel setzen gleich alle drei Söhne die Tradition von Papa Kurt fort, bei Familie Jurowski hat nach Vater Mikhail und dem älteren Bruder Vladimir auch der jüngere Filius Dmitri schon zum Taktstock gegriffen, und auch der Sohn von Eliahu Inbal bastelt im Umkreis Berlins an einer Dirigierkarriere. Eigentlich sollte man erwarten, dass die allgegenwärtige Überautorität eines Vaters die Söhne eher zu Rebellion als zu Nachahmung verleitet. Von wegen! Offenbar wirkt auf Söhne und mit fortschreitender Emanzipation im Dirigentenmetier vielleicht auch bald auf Töchter kaum etwas so faszinierend wie ein Papa im Rampenlicht – erst recht, wenn der elterliche Beruf mit keinerlei häuslichen Beschwernissen verbunden ist. Dirigierende Väter müssen sich nicht die Hände schmutzig machen und nicht stundenlang zu Hause üben, sondern liegen nur friedlich summend mit einer dicken Partitur auf dem Sofa. Und wenn sie auf Konzertreisen mitdürfen, können die Kinder immer wieder erleben, was für ein toller Hecht Vati ist.

Anlass dieser Betrachtungen ist natürlich ein ganz konkreter: Mit dem 38-jährigen Kristjan Järvi ist in dieser Woche der jüngste Spross der derzeit aufregendsten Maestro-Dynastie in der Stadt. Denn Vater Neeme, als Fachmann für spät- und nachromantische Sinfonik weltweit geschätzt, hat mit seinen beiden Söhnen gleich zwei Volltreffer gelandet: Paavo, sein Ältester, ist als Chef in Frankfurt, Paris und bei der Bremer Kammerphilharmonie einer der begehrtesten Dirigenten seiner Generation, und auch Kristjan hat einen festen Platz im internationalen Maestro-Karrussel. Interessant sind die Järvi-(Halb-)Brüder aber auch deshalb, weil sie völlig unterschiedlich sind: Während Paavo der Mann für die großen Klassiker, für Bruckner und Beethoven-Zyklen ist, hat der smarte Kristjan seine Stärken vor allem bei zeitgenössischer Musik und bei den Klassikern der Moderne. Beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin beispielsweise, mit dem er seit acht Jahren regelmäßig zusammenarbeitet, hat er charismatische Aufführungen von Strawinsky, Ravel und Revueltas dirigiert. Auch mit seinem vor zwei Jahren gegründeten Baltic Youth Orchestra spielt er natürlich vor allem die Musik, die ihm Spaß macht: beim Gastspiel im Konzerthaus im Rahmen von Young Euro Classic stehen am Dienstag Werke von Strawinsky, Sibelius, Imants Kalnins und Daniel Schnyder auf dem Programm.

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