PAUKEN & Trompeten : Parsifal muss draußen bleiben

Jörg Königsdorf sehnt sich nach großem Karfreitagszauber.

Jörg Königsdorf

Das gibt sicher lange Gesichter bei Berlins Wagnerianern: Da leben sie nun schon in einer Stadt mit drei Opernhäusern, von denen zwei so tun, als seien die Werke Richard Wagners der Angelpunkt des musikalischen Universums. Und dann bringt es die selbst ernannte Opernhauptstadt nicht fertig, zum Karfreitag einen „Parsifal“ auf den Spielplan zu setzen. Was etwa bietet die Deutsche Oper, deren Intendantin Kirsten Harms gerade erst Anfang der Woche die zentrale Bedeutung von Wagners Werken für ihr Haus heruntergebetet hat, statt des Wagner’schen Karfreitagszaubers? Ausgerechnet Verdis „Traviata“! Gemeinheit! Das wäre unter Thielemann nicht passiert! Und die Staatsoper kneift gleich ganz und bietet bloß eine Führung durch ihr marodes Gemäuer an – vermutlich, damit die Mitarbeiter an diesem hohen Feiertag endlich zur Beichte gehen können.

Immerhin bietet das Haus unter den Linden am Mittwoch und am Ostermontag mit der neuen „Lohengrin“-Produktion ein Trostpflaster für die enttäuschte Wagner-Gemeinde an. Und die, für die es nun partout der „Parsifal“ sein muss, dürften ohnehin schon Busse gechartert haben, um gen Dresden und Leipzig zu fahren, wo treu und brav der alten Opernsitte des karfreitäglichen „Bühnenweihfestspiels“ gehuldigt wird.

Nicht-Wagnerianer hingegen haben die Qual der Wahl, wie sie ihr musikalisches Erbauungsbedürfnis am höchsten Feiertag der Christenheit befriedigen wollen. Wobei die Entscheidung in gewisser Weise konfessionell vorgeprägt ist: Während Katholiken sich in der Philharmonie beim Verdi-Requiem des Scala-Orchesters im Rahmen der Staatsopern-Festtage Dies-Irae-Schauer über den Rücken jagen lassen können, bietet das Konzerthaus mit Bachs Matthäus-Passion den protestantischen Karfreitagsklassiker in einer historisierenden Version des Orchestra of the Age of Enlightenment an. Und für alle gemischt konfessionellen Beziehungen dürfte hingegen Brahms’ „Deutsches Requiem“ mit seinen ökumene-kompatiblen Trostversprechen im Kammermusiksaal ein fairer Kompromiss sein. Es singt Joshard Daus’ fabelhafte Europa-Chorakademie. Amen.

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