PAUKEN & Trompeten : Ratten im Rundfunk

Jörg Königsdorf

Die Spannung steigt. Seit Wochen werden wir auf Tagesspiegel-Online durch die Kolumnen der Kollegin Christine Lemke-Matwey auf den B-Day, den Tag der diesjährigen Bayreuth-Premiere, vorbereitet, und auf der Zielgeraden hat Regisseur Hans Neuenfels jetzt sogar schon ein paar Details seiner Inszenierung des „Lohengrin“ verraten. Ratten wird’s gleich haufenweise geben – ob das illustre Publikum samt Kanzlerin und halbem Kabinett diese Neuenfels’sche Endzeitvision wohl schlucken werden oder sich am Ende sogar zu einem leisen Buh hinreißen lassen wie weiland Frau Marianne von Weizsäcker, als bei der Neuenfels-Version von Verdis „Forza del Destino“ an der Deutschen Oper die Panzer auffuhren?

Jedenfalls sollten alle, die heute ab 15.57 Uhr im RBB-Kulturradio die Übertragung des Großereignisses verfolgen, beim Schlussapplaus die Ohren spitzen, und es wäre auch nicht untypisch für Neuenfels-Inszenierungen, wenn sich die gepeinigten Seelen einiger gepeinigter Wagnerianer schon vorher durch Unmutsbekundungen Erleichterung verschaffen würden. Natürlich kann das die Radiohörer letztlich kalt lassen: Sei bekommen ja ohnehin nur den akustischen Teil der Veranstaltung mit, und das im Übrigen noch unter erheblich angenehmeren Bedingungen als im mutmaßlich stickigen Festspielhaus. Sollen Merkel und Co. nur getrost schwitzen, auf dem Wohnzimmersofa kann man sich die Gralserzählung des Schwanenritters nötigenfalls auch mit ein, zwei Glas Wein schönhören.

Sollte jemand allerdings wider Erwarten schon nach zwei Akten Wagnerei genug haben, bietet sich ihm sogar noch eine genauso hochkarätige Alternative. Und zwar ebenfalls im Radio, das zuverlässig dafür sorgt, dass auch die im Klassik-Sommerschlaf befindlichen Metropolen in den Sommermonaten mit musikalischer Hochkultur versorgt werden. Das Deutschlandradio überträgt nämlich heute Abend Mahlers Achte, die „Sinfonie der Tausend“, mit den Bamberger Sinfonikern unter Jonathan Nott. Von dem Höhenflug, den das Traditionsorchester nach längerer Krise mit seinem fabelhaften Chefdirigenten erlebt, konnte man sich auch schon in Berlin überzeugen, und auch beim Musikfest im September werden die Bamberger wieder dabei sein. Weltweit gefeiert werden sie derzeit allerdings vor allem für ihre Mahler-Aufnahmen, was die Übertragung vollends zu einer starken Konkurrenz für den dritten „Lohengrin“-Akt macht. Aber die Entscheidung kann auch diese Kolumne niemandem abnehmen.

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