PAUKEN & Trompeten : Schuster, bleib bei deinen Liedern

Jörg Königsdorf beschwört die Macht der musikalischen Muttersprache

Jörg Königsdorf

Die Theoretiker des 18. Jahrhunderts, die behaupteten, Musik sei nichts anderes als eine künstliche Sprache, hatten eindeutig unrecht. Horcht man nämlich nur ein wenig in die Realität der Klassikwelt hinein, stellt man sofort fest, dass fast jeder Interpret ein intuitives Verständnis für die Musik seiner Heimat mitbringt. Russen spielen in der Regel Tschaikowsky und Schostakowitsch am besten, Deutsche Wagner und Brahms, und so weiter. Spielen die gleichen Musiker dann aber Werke aus anderen Ländern, ist das Gefälle in etwa so wie zwischen der Muttersprache und einer gut beherrschten Fremdsprache – grammatikalisch kann man vielleicht wenig einwenden, aber irgendwie klingt es trotzdem unnatürlich.

Das ist selbst bei den Stars so: Sabine Meyer, Deutschlands Wunderklarinettistin, spielt auf ihrer neuen CD das Konzert des Dänen Carl Nielsen zwar glatt und perfekt, aber eben auch ohne spezifischen Charakter, ihr schwedischer Kollege Martin Fröst dagegen trifft in seiner parallel vorgelegten Aufnahme auf Anhieb jene Balance aus Gemütlichkeit, Sprödheit und Melancholie, die man als typisch skandinavisch bezeichnen möchte. Und der gleiche Fröst vertändelt wiederum die Klarinettenkonzerte Carl Maria von Webers an quirligen Leerlauf, während Meyer in ihrer klassischen Einspielung problemlos den innigen, deutschen Romantiktonfall trifft. Gut also, dass Martin Fröst bei seinem Auftritt am Donnerstag im großen Sendesaal des RBB das Nielsen-Konzert spielt, und auch das begleitende Stavanger Symphony Orchestra dürfte bei Griegs Sinfonischen Tänzen idiomatisch sicher im Sattel sitzen.

Angesichts dieser offenbar engen Verbindung zwischen Muttersprache und Musik haben deutsche Musiker natürlich gute Karten. Für einen jungen Pianisten aus Luxemburg ist das musikalische Hausgut dagegen schon erheblich bescheidener – was allerdings auch eine Chance sein kann. Francesco Tristano Schlimé turnt jedenfalls so unbekümmert durch die verschiedenen Genres und Stile, als ob er die Freiheit genießen würde, nicht an eine bestimmte nationale Schule gebunden zu sein. Jazz, Barock, Moderne, Komposition und Improvisation – die Neigungen des lockenköpfigen Luxemburgers sind so bunt wie sein Lebenslauf, der Lernstationen von Brüssel und Paris über Riga bis New York aufweist. Für sein Debüt im Deutschlandradio stoppt er am Montag in der Philharmonie bei Prokofjews fünftem Klavierkonzert – schließlich soll es ja auch möglich sein, Fremdsprachen perfekt zu beherrschen.

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