PAUKEN & Trompeten : Sind wir nicht alle ein wenig Mahler?

Jörg Königsdorf warnt vor einer musikalischen Droge

Jörg Königsdorf

Die Sinfonien Gustav Mahlers sind die stärkste Droge der klassischen Musik: Immer wieder gibt es Menschen, die ihnen mit Haut und Haar verfallen und ihr Leben lang nicht mehr von ihnen loskommen. So erging es einst dem New Yorker Börsianer Gilbert Kaplan, der seinen Job aufgab und das Dirigieren lernte, nur um Mahlers „Auferstehungssinfonie“ aufführen zu können – und tatsächlich zu einem respektablen Interpreten des Stücks wurde. Und so ähnlich muss es auch bei dem 21-jährigen Yoel Gamzou sein, der schon Mahler-süchtig wurde, als seine Altersgenossen sich noch mit den prosaischeren Problemen des Erwachsenwerdens herumschlugen.

Vor zwei Jahren gründete der junge Israeli, der in seiner Heimatstadt Tel Aviv bereits mit 14 das Dirigieren erlernte und als letzter Schüler von Maestro-Legende Carlo Maria Giulini in Mailand die Geheimnisse der Orchesterbeherrschung beigebracht bekam, das International Mahler Orchestra, und seit fünf Jahren arbeitet er an einer Komplettierung von Mahlers unvollendet hinterlassener zehnter Sinfonie. Zwar gab es schon seit den sechziger Jahren Rekonstruktionsversuche wie die bekannteste, auch der Aufnahme mit Simon Rattle und den Philharmonikern zugrunde liegende Version des britischen Musikwissenschaftlers Deryck Cooke, doch wurden diese durch das Auftauchen von weiterem Skizzenmaterial aus den sogenannten Moldenhauer-Archiven im Herbst 2003 wieder in Frage gestellt.

Anlass für Gamzou, mit Unterstützung der Mahler-Enkelin Marina und der Internationalen Mahler Gesellschaft Wien selbst Hand anzulegen und in die Rolle seines Idols zu schlüpfen. Am Freitag präsentiert er mit seinem Orchester im Kammermusiksaal das erste Teilstück seiner Arbeit, das Adagio, das als erster Satz des Werks bei Mahlers Tod am weitesten gediehen war. Komplettiert wird das Programm durch Mendelssohns „schottische“ Sinfonie und Bruchs unverwüstliches erstes Violinkonzert mit dem Philharmoniker-Konzertmeister Guy Braunstein als Solist. Schließlich gibt es ja noch anderes als Mahler.

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