PAUKEN & Trompeten : Sonne und Tau

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Früher gab es krude Thesen zum Thema Musik, zum Beispiel hörte ich einmal einen Musikwissenschaftler die Ansicht vortragen, dass Bach nur deswegen so gut komponiert habe, weil es in Deutschland so viel regne, bei besserem Wetter hätte er nämlich draußen gesessen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Vielleicht so wie ich vor vielen Jahren, auf einem Bordstein vor Windsor Castle? Ein wunderbarer Tag, der Himmel wölbte sich sehr blau über der Landschaft, ich dachte an nichts Arges, da kam ein Polizist und hieß mich aufstehen. Bei Regen ist gut komponieren, in Windsor sitzt man nicht auf dem Boden, das sind die Lehren, die zu ziehen sind.

Ganz klar daher, dass das Konzert am Mittwoch in der Philharmonie ein großer Abend wird. Schließlich singt der wunderbare Tenor Mark Padmore einige Arien des im bekanntermaßen kühlen Halle geborenen Georg Friedrich Händel, der später ins regennasse London zog, nämlich Auszüge aus dessen „Samson“ und „Jephtha“, darunter wohl auch die rührende Abschiedsmusik des „Waft her, angels, through the skies“, die Jephtha seiner Tochter widmet, die er selbst dem Tod überantwortet hat.

Wer je erlebt hat, wie Regen sich verzog und ein perfekter englischer Herbst sich zeigte, das kühle Ineinander von gleißender Sonne und Tau auf den Wiesen, wird sich Padmores Stimme genau vorstellen können, hinzu kommen die Klugheit seiner Artikulations- und die Aufrichtigkeit seiner Interpretationskunst. Die Berliner Barock Solisten unter Bernhard Forck begleiten Padmore und spielen ihrerseits eine Ouvertüre von Purcell sowie Concerti grossi von Charles Avison und dem Wahl-Londoner Francesco Geminiani – ein durch und durch englisches Programm aus der Mitte des Barockzeitalters. Zwei Wochen nach meinem Picknick auf dem Bordstein brannte Windsor Castle übrigens aus, das letzte Unglück, das Elizabeth in ihrem annus horribilis 1992 noch widerfuhr. Mehr Regen wäre wahrscheinlich auch hier gut gewesen.

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