PAUKEN & Trompeten : Stadt der Ideen

Jörg Königsdorf

2010 könnte endlich mal ein Jahr der Harmonie werden. Wo man auch hinschaut bei den Opernhäusern und Orchestern der Stadt, nirgendwo scheint derzeit ein Konflikt zu schwelen, der im kommenden Jahr für Zank und Aufruhr sorgen könnte. Die Deutsche Oper freut sich auf ihren neuen Chefdirigenten Donald Runnicles, die Staatsoper hat es kurz vor knapp doch noch geschafft, dass bei der anstehenden Sanierung auch die dringend notwendige Verbesserung der Akustik mit bedacht wird. Und nachdem sich der neue Intendant des Deutschlandradios mit seinem Vorschlag, die beiden Berliner Rundfunkorchester zusammenzulegen, gerade erst ziemlich die Finger verbrannt hat, dürfte sich erstmal niemand mehr mit einem Fusionsplan aus der Deckung wagen. Also alles in Butter in der Klassikhauptstadt?

Je nun, auch vor einem Jahr sah es anfangs so aus, als ob 2009 nicht mehr von Kulturpolitik, sondern stärker von Kunst die Rede sein würde: Niemand rechnete ernstlich damit, dass die Verhandlungen um die Vertragsverlängerung von Ingo Metzmacher beim DSO scheitern könnten, nachdem alle Seiten ihren Willen zur Zusammenarbeit betont und die Gesellschafter sogar einer stattlichen Etataufstockung für die Rundfunkorchester und -chöre zugestimmt hatten. Auch das Konzerthausorchester konnte sich über die Außenwirkung seines Chefs Lothar Zagrosek bei Presse und Publikum nicht beklagen. Nach Jahren der Langeweile schien endlich wieder ein frischer Wind durch das Haus am Gendarmenmarkt zu wehen.

Mehr noch: Sowohl Zagrosek wie Metzmacher hatten ja erfindungsreich die Profile ihrer Orchester gegenüber der Konkurrenz geschärft und die Ausdifferenzierung der Orchesterszene in Bewahrer und Neuerer vorangetrieben. Das zeigt der Blick auf die Silvesterkonzerte geradezu exemplarisch: Während die Besucher des Konzerthausorchesters bei Zagroseks „A la carte“-Konzert selbst über die Programmfolge abstimmen dürfen und das DSO wieder mit den Artisten des Circus Roncalli ins Tempodrom lockt, üben Daniel Barenboim und seine Staatskapelle ebenso wie Marek Janowski und das RSB mit Beethovens Neunter die Traditionspflege. Und jedem Dirigenten, der an die Spitze des DSO oder des Konzerthausorchesters will, sollte klar sein, dass die Claims längst abgesteckt sind: Noch eine Neunte mehr in der Stadt hat keinen Sinn – außer man findet eine Kombination, die dieses Stück wirklich anders hören lässt. Wer nach Berlin will, braucht nicht nur Handwerk, sondern auch Ideen.

Man darf gespannt sein, wie sich der ungarische Maestro Ivan Fischer dieser Herausforderung stellen wird, wenn er tatsächlich Chef des Konzerthausorchesters werden sollte. Fischer ist zwar ein Dirigent, der mit seinem gnadenlosem Präzisionswillen die Spielqualität jedes Orchesters erhöhen kann, als innovativer Programmgestalter ist er bisher allerdings eher weniger aufgefallen. Aber wer weiß, ob das Berliner Reizklima bei dem Altmeister nicht ganz neue Energien freisetzt? Beim DSO könnte der junge Russe Tugan Sokhiev, der Wunschkandidat des Orchesters, immerhin schon vom Repertoire her eine eigene Farbe einbringen – als Musiker, der sich die Klassik nicht von Mahler und Strauss, sondern von Tschaikowsky und Rachmaninov aus erschließt. Einmal ganz davon abgesehen, dass ein 32-Jährigen Chefdirigent schon per se Frische und Neugier vermittelt. Klingt doch gar nicht so schlecht für den Anfang.

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