PAUKEN & Trompeten : Streichen statt Blasen

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Man könnte sich ja mal fragen, was eigentlich passiert wäre, wenn die Sache mit Apollo und Marsyas anders ausgegangen wäre. Apollo, der Gott für Licht, Dichtung, Musik, Jugend, Heilkunde, Weissagung und vieles andere, ließ sich nämlich von dem Satyr Marsyas zu einem musikalischen Wettstreit herausfordern. Und selbstverständlich war es Apollo, der siegreich aus diesem Kampf hervorging, schließlich konnte er Kithara spielen und gleichzeitig dazu singen. Marsyas blies in derselben Zeit bloß in seinen Aulos. Als Verlierer wurde er am nächsten Baum aufgehängt, bei lebendigem Leibe gehäutet und damit so blutig verletzt, dass daraus ein ganzer Fluss entspringen konnte.

Wolfgang Rihm hat sich von dieser Begebenheit 1998/99 zu seiner Rhapsodie Marsyas für Trompete mit Schlagzeug und Orchester inspirieren lassen. Kommenden Samstag wird das viertelstündige Stück in der Philharmonie aufgeführt, der Trompeter Gábor Tarkövi gibt gewissermaßen den Marsyas, Jan Schlichte spielt Marimba und Trommel dazu, und die Berliner Philharmoniker unter Andris Nelsons begleiten. Aber was wäre nun passiert, wenn damals nicht Apollo, sondern Marsyas gewonnen hätte? Zweifellos wäre alles ganz anders gekommen mit der Musik. Anstatt von klein auf zu singen und Wort und Ton beständig zusammenzufügen, anstatt also zum Beispiel nächsten Samstag zum Tag der offenen Tür der Sing-Akademie zu gehen und dort am „Offenen Singen mit Antonio Vivaldi“ teilzunehmen (hoffentlich trifft Vivaldi rechtzeitig ein), würden wir das Wochenende lieber damit verbringen, neue Weidenflöten zu schnitzen und unseren Ansatz zu verbessern. Weil die Orchester anders zusammengestellt wären, als sie es heutzutage sind, wären es Geiger und Bratscher, die während der Probe Sportmagazine läsen und zum Biertrinken und Kartenspielen hinunter in die Kantine gingen. Oben schwitzten derweil die Posaunisten auf dem Tutti- Schlachtfeld. Mozarts bekanntestes Werk wäre nicht die Kleine Nachtmusik, sondern die Gran Partita für zwölf Bläser und Kontrabass; Edward Elgars leidenschaftliches Cellokonzert, am Freitag im Konzerthaus, würde belächelt, aus dem Programm genommen und natürlich durch das schöne Tubakonzert von Ralph Vaughan Williams ersetzt.

An der historischen Stelle von Niccolò Paganini, dem Teufelsgeiger, stünde der Teufelsfagottist Julius Weissenborn (1837-1888), bei dessen Darbietung die Zuhörer ins Schwärmen gerieten – dieses Lungenvolumen, diese Stütze! Und dann erst die Zirkularatmung! Spätnachts am Lagerfeuer aber säßen wir mit Blockflöten da. Fuchs und Hase kämen, die Ohren scharf gespitzt, und schauten uns beim Tuten und Blasen zu.

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