PAUKEN & Trompeten : Teile und bearbeite

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Wenn es schon so ist, dass am Freitag nirgends ein fast ganz echter Sankt Martin auf einem Pferd sitzt und sein Schwert zieht, um für einen Bettler seinen Mantel zu zerteilen – weil Unter den Linden kein Platz für Bettler ist und ein Pferd im abendlichen Stadtverkehr nur scheuen würde –, dann sollte man sich wenigstens im Berliner Dom das Singspiel „Martins Mantel“ anhören mit dem Mädchenchor der Singakademie.

Der zweite wichtige Mann in diesen Tagen: Goethes Harfner, Inbegriff des verstörten Alten, der in dem eher verwirrten Alten, der mir neulich auf der Straße begegnete („Die Anna Netrebko und ich, wir lieben uns, ich könnte weinen, dass wir nicht öfters zusammen sein können“), einen späten Nachfahren gefunden hat. Schubert hat dem Harfner schüttere Lieder geschrieben, Reger hat diesen Liedern seinen Stempel als Orchestrator aufgedrückt. Ebenfalls am Freitag singt Katharina Kammerloher die Harfner- Schubert-Reger-Lieder mit dem Konzerthausorchester, das daneben noch andere umorchestrierte Stücke von Bach-Mitropoulos und Rameau-Egk spielt.

Als dritter wichtiger Mann tritt in diesen Tagen der Countertenor Bejun Mehta in Erscheinung, einer der weltbesten seines Fachs. Am Donnerstag gibt er mit Julius Drake in der Staatsoper im Schiller-Theater einen Liederabend. Und so ritterlich Sankt Martin ist, so mannhaft und schweigsam der Harfner seine Bürde trägt – Mehta zeigt auf die wohl faszinierendste Tradition von Männerbildern, jene der großen, virilen Helden des Barocks, die gar nicht anders konnten, als auf der Bühne hoch zu singen. Tief und bassig war nur etwas für Witzfiguren.

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