PAUKEN & Trompeten : Törichte Welt

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Wie genau er es gemacht hat, wissen selbst die Forscher nicht zu sagen. Schon vor seiner Ankunft in Leipzig hatte sich Johann Sebastian Bach in den Kopf gesetzt hatte, nur eigene Musik zu präsentieren in den Sonntagsmusiken der Leipziger Kirchen, zumindest über die ersten Jahre hinweg. Die junge zweite Frau Anna Magdalena und die kleine gemeinsame Tochter Christiana waren mitgekommen, dazu vier Kinder aus erster Ehe und Schwägerin Friedelena Bach, man zog in die frischrenovierte Wohnung im Südflügel der Thomasschule, zu der ein Bürozimmer für den Familienvater gehörte. Hier komponierte Bach für seine Kirchen, an dem einen Sonntag war er in St. Thomae, am nächsten in St. Nicolai, und wenn wichtige Festtage anstanden, zeigte er sich mit seinen Musikern in beiden Kirchen, morgens hier und nachmittags dort. Jeweils über 2000 Gläubige hörten zu, außer natürlich in den stillen Zeiten der Advents- und Fastenwochen, wenn die Sonntagsmusiken ausfielen.

Aber wie hat Bach es nun geschafft, für jeden Gottesdienst eine neue Kantate zu schreiben? Montags, dienstags, mittwochs und freitags war er nämlich auch noch gebunden, an diesen Tagen musste er in der Aula der Thomasschule musikalische Übungen mit den insgesamt 150 Schülern abhalten. Dennoch: Erstens konnte Bach langfristig planen, weil das Kirchenjahr vorgibt, worüber wann nachgesonnen werden muss. Er wählte seine Textvorlagen lange vorab aus und gab sie dann zum Druck; die Heftchen mit den Kantatentexten gingen an Abonnenten und andere Interessierte und spülten ihm ein schönes Zusatzgeld in die Tasche. Zweitens konnte er auf eine Kerntruppe von acht hauptamtlichen Musikern zurückgreifen, die verlässlich waren und ausgezeichnet spielten. Drittens fanden die Aufführungen auf den Choremporen statt. So sah es nur ein kleiner Teil der Gemeinde, wenn Bach noch bis zur letzten Minute geschwitzt oder keine Zeit mehr gehabt hatte, sich die Haare zu richten.

Vor allem aber schrieb Bach bei sich selber ab, ein gewöhnlicher Vorgang in kreativen Berufen. Für die Sonntage in Leipzig suchte er früher entstandene Kompositionen einfach noch einmal heraus. Es ist unglaublich, wie häufig es unter diesen Arbeitsbedingungen zu großartiger Musik kam. Zum Beispiel die Kantate BWV 26 vom November 1724, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig, ein einzigartig gelassener Zwischenruf über das Leben, das kaum mehr ist als ein Nebel, der entstehet und vergehet. Eine der schönsten Bass-Arien überhaupt hat Bach in dieses Stück hineingeschrieben. „An irdische Schätze das Herze zu hängen ist eine Verführung der törichten Welt“, heißt es hier, und dazu puckern die drei Oboen, wird der Solist gleich mit seiner ersten aufspringenden Quarte in einer Haltung von Stolz und Unnachgiebigkeit vorstellig. „Bei mir doch nicht“, soll das vielleicht heißen, ganz so, wie bald darauf von noch größerer Distanz zu noch viel Schlimmerem die Rede ist.

Feuer, Fluten und Zerstörung: Den unteren Instrumenten mit ihrem treibsandartigen Hinab hört man das sofort an, und je besser und aufrechter der Bassist nun singt, je mehr Können er zeigt, um das virtuose Band vom „Zerschmettern, bis alles in Trümmern zerfällt“ zu spinnen – desto eher lässt diese Arie Trost schöpfen, dass im Angesicht von Herbstnebel, Finanzkrise und genereller Flüchtigkeit vor allem eines zählt, nämlich Haltung. Bachs Kantate „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ wird am Samstag im Rahmen der Abendmusiken in der Gedächtniskirche aufgeführt. Der Eintritt ist frei.

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