PAUKEN & Trompeten : Von Italien lernen

Jörg Königsdorf

„Pensa alla patria“ – Denke ans Vaterland! Den Appell, den Rossinis gen Algier verschleppte Italienerin gegen Ende der Oper an ihre Landsleute richtete, dürften die Besucher der Uraufführung im Mai 1813 durchaus ernst genommen haben. Schließlich probten auch die Deutschen gerade den Aufstand gegen Napoleon, und während Rossini die patriotischen Zeilen von Isabellas Schlussrondo vertonte, schlug der preußische König mit seinem berühmten Aufruf „An mein Volk“ ganz ähnliche Töne an.

So komisch ist das „Dramma giocoso“ des 21-jährigen Komponistenstars also vielleicht gar nicht, im Gegenteil: Eine so flammende Rede an die italienische Nation war vermutlich nur im Tarnkostüm einer komischen Oper möglich. Nigel Lowery hatte insofern durchaus recht, als der die Italiana in Algeri vor drei Jahren erheblich ernster nahm als die meisten seiner Kollegen – in den guten Momenten seiner Inszenierung an der Staatsoper schlägt das bizarr Überdrehte ins Verstörende, Gefährliche um. Im Gegensatz zum letzten Rossini-Streich der Staatsoper, David Aldens klamottiger Version des „Turco in Italia“, hat Lowerys Inszenierung Tiefgang unter der schrillen Britpop-Oberfläche. Ein Tiefgang, der sich übrigens auch in der Musik ausmachen lässt: Im vergangenen Jahr hatte René Jacobs auf einer Tournee durch Europa den kurz vor der „Italiana“ entstandenen „Tancredi“ in einem radikalisierten historischen Klangbild vorgestellt und gezeigt, dass die quirlige Nettigkeit, in der Rossinis Musik gemeinhin abschnurrt, nur Folge einer verharmlosenden Aufführungstradition ist.

Dass auch bei der Wiederaufnahme der Lowery-Inszenierung heute Abend (nochmals am 3. und 6. 12.) ein Mann der historischen Aufführungspraxis am Pult steht, stimmt insofern hoffnungsfroh: Der Italiener Ottavio Dantone, von Haus aus Cembalist, hat sich in den letzten Jahren über die Barockoper an Rossini herangetastet und wird im kommenden April die „Reise nach Reims“ an der Scala dirigieren. Star der Aufführungen ist allerdings wie zu Rossinis Zeiten nicht der Mann im Graben, sondern die Diva, und mit Vesselina Kasarova bietet die Staatsoper einen echten Superstar auf. Erst vor einigen Monaten hatte die bulgarische Mezzosopranistin bei einem Auftritt im Konzerthaus gezeigt, dass ihr bei Rossini immer noch kaum jemand das Wasser reichen kann. Nun gibt es endlich Gelegenheit, Kasarovas extrem ausgefeilte Belcantokunst in einer ganzen Opernrolle zu bewundern. Nichts wie hin!

0 Kommentare

Neuester Kommentar