PAUKEN & Trompeten : Wahrheit altert nicht

Jörg Königsdorf über den langen Schatten eines Jahrhundertmusikers: Pablo Casals.

Jörg Königsdorf

Kein Cellist, der die sechs Solosuiten Johann Sebastian Bachs aufführen will, kommt um die allererste Aufnahme dieser Stücke herum: Ein Dreivierteljahrhundert nach ihrer Entstehung ist die legendäre Einspielung des Cello-Übervaters Pablo Casals immer noch ein Prüfstein, und auch wenn die historische Aufführungspraxis den Blick auf diese Stücke verändert hat, gilt es doch, dem Vergleich mit dem unbeugsamen Ausdruckswillen des Spaniers standzuhalten. Eine Herausforderung, der übrigens der härteste Konkurrent um den Titel des Jahrhundert-Cellisten, Mstislav Rostropowitsch, lange ausgewichen ist, um dann seine (zu) späte Einspielung prompt in den Sand zu setzen. Von der Casals-Aufnahme werden immer noch jedes Jahr mehrere tausend Exemplare verkauft, trotz einer unübersehbaren Zahl von oft blitzsauberen, hochpolierten Konkurrenzaufnahmen. Tatsächlich ist die Unbedingtheit, mit der Casals Bachs Musik zur Trägersubstanz seiner idealistischen Überzeugungen machte und dabei auch vor ruppigen Tönen nicht zurückschreckte, aus der historischen Distanz vielleicht sogar noch stärker spürbar als vor 75 Jahren. Im Gegensatz zu Schönheit scheint innere Wahrheit offenbar nicht zu altern – mit den Casals-Aufnahmen ist es da nicht anders als mit den Platten von Maria Callas oder Arthur Schnabel.

Nur wie gehen Cellisten mit dem leuchtenden Vorbild um? Unter den Stars der jungen Cellistengeneration hat sich wohl keiner so intensiv mit dem Phänomen Casals auseinandergesetzt wie der Berliner Claudio Bohórquez: Vor einigen Jahren kreierte der Sohn peruanisch-uruguayischer Eltern zusammen mit dem bildenden Künstler Klaus-Peter Kircher ein szenisches Casals-Projekt, das Zitate des leidenschaftlichen Antifaschisten und Humanisten mit Bachs Cello-Suiten in Zusammenhang brachte. Eine Installation, die dadurch einen zusätzlichen Reiz erhielt, dass Bohórquez auf Casals’ Instrument spielen durfte – leihweise, nachdem er 2000 den ersten Casals-Wettbewerb gewonnen hatte. Das Instrument musste er zwar inzwischen wieder abgeben, doch die Auseinandersetzung mit dem Vorbild dürfte ihre Spuren hinterlassen haben. Nachzuprüfen ist das am Montag im kleinen Saal des Konzerthauses, wo der ehemalige Hanns-Eisler-Gastprofessor und Schüler von David Geringas und Boris Pergamentschikow die Suiten in d-moll und C-Dur ins Zentrum seines Soloabends gestellt hat.

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