Pauken und Trompeten : Was von Mozart übrig bleibt

Jörg Königsdorf freut sich auf halbe Opern

Jörg Königsdorf

An der Deutschen Oper wurde vor drei Jahren eine ungewöhnliche Mozart-Produktion gezeigt. Sie hieß „Fragmente“ und bestand ausschließlich aus Musik, die es nicht bis zu einer ganzen Oper geschafft hatte: aus Skizzen, zwei Konzertarien und dem unvollendeten Singspiel „Die Gans von Kairo“, dessen Darsteller als Untote ein kümmerliches Dasein auf der Hinterbühne führten und neidisch die Figuren der echten Mozart-Opern im Rampenlicht beäugten. Der Abend war so ziemlich das Beste, was die Deutsche Oper in den ersten Jahren der Ära Kirsten Harms zustande brachte – nur wollte ihn kaum jemand sehen. Ein großes Opernhaus, so die Lehre, die sich aus der Verweigerungshaltung des Publikums ziehen ließ, ist nicht der richtige Ort für Experimente.

Ob der junge Regisseur Tilman Hecker jetzt mit seinem Mozart-Patchwork Mandys Baby mehr Glück haben wird? Zumindest auf dem Papier scheinen die Erfolgsaussichten für das Projekt, dessen Titel eher an einen Polanski-Schocker erinnert, diesmal besser. Erstens sind die Opernhäuser dicht, und wer jetzt in Berlin Mozart hören will, hat gar keine andere Wahl. Und zweitens hat sich Hecker mit dem Radialsystem einen Ort ausgesucht, an dem das Publikum alles erwartet außer einer konventionellen Mozartoper. Und auch wenn das ambitionierte Projekt das Debüt des 29-Jährigen als Regisseur (und sein eigener Bühnenbildner) ist, hat Hecker als langjähriger Assistent von Bob Wilson und Achim Freyer schon einen ganzen Sack voll Erfahrungen und guter Ratschläge gesammelt, von denen man bei der Premiere am Donnerstag sicher einiges zu sehen bekommt. Am Pult eines Ensembles, das auf den konspirativ klingenden Namen „Orchester neues K“ hört, steht Erik Nielsen, Kapellmeister der Frankfurter Oper.

Im Gegensatz zum heutigen Opernpublikum hätten die Zeitgenossen Mozarts an einem solchen Patchwork überhaupt nichts auszusetzen gehabt, und im Barock waren Best-ofs ohnehin die Regel. Die Regisseurin Susanne Frey, die selbst auch schon ein Stück namens „Mozart.Müzik“ aus dem reichen Amadeus-Fundus geschneidert hat, kann sich mithin historisch legitimiert fühlen, wenn sie die Teile der Kurzoper Venus und Adonis des Purcell-Vorgängers John Blow mit Musik von Monteverdi, Purcell und anderen auf abendfüllendes Format streckt. Auch hier darf man sich auf Überraschungen gefasst machen – zumindest weist die Besetzungsliste weder die Göttin noch ihren Geliebten, sondern mit der fabelhaften Jutta Böhnert nur eine Sopranistin ohne nähere Rollenbezeichnung aus. Premiere ist am Freitag ebenfalls im Radialsystem. Wer will, kann sich am Samstag und Sonntag beide Produktionen hintereinander ansehen. Zusammen dauern sie übrigens gerade mal so lang wie eine echte Mozart-Oper.

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