Pauken & Trompeten : Wer Klavier spielt

Jörg Königsdorf ergründet das Wirken meisterlicher Amateure.

Jörg Königsdorf

Eine Rechtsanwältin ist dabei, zwei Ärzte, aber auch ein Bauingenieur, ein Restaurator und ein Gärtner. Sympathisch vielfältig ist die Liste der Berufe, mit denen die Teilnehmer des Klavierfests der Meisteramateure ihr Geld verdienen. Zeigt sie doch, dass auch die Zwänge eines normalen Erwerbslebens nicht automatisch dazu führen, dass einmal erworbene musikalische Fähigkeiten verkümmern. Denn natürlich haben alle zehn Pianisten, die sich von Mittwoch bis Sonnabend mit jeweils 50-minütigen Programmen im Curt-Sachs-Saal des Musikinstrumentenmuseums vorstellen, schon von klein auf Klavier gelernt – die meisten können sogar ein Hochschuldiplom vorweisen, das ihnen die Podiumstauglichkeit attestiert.

Von der technischen Seite her braucht man mithin keine großen Sorgen zu haben, dass etwa der New Yorker Krankenhausarzt Henri Delbeau scheitern könnte, wenn er sich am Samstag an Liszts gefürchtete Tarantella wagt oder dass der Bauingenieur Geoffroy Vauthier, der ansonsten über den Neubau der Pariser Philharmonie wacht, am Freitag in der Chopin-Fantasie stecken bleibt. Ohnehin hat jeder der zehn Teilnehmer in den letzten Jahren hinreichend Podiumserfahrung auf einem der AmateurKlavierwettbewerbe gesammelt, die es inzwischen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa gibt. Einige, wie Delbeau, die Münsteraner Unternehmerin Caroline Kirchhoff oder der Kanadier Jun Fujimoto, der am Freitag mit seinem Chopin-Programm an der Reihe ist, waren auch bei dem Berliner Amateurwettbewerb erfolgreich, den der Hobbypianist und Dirigentenbruder Eberhard Zagrosek vor drei Jahren ins Leben rief. Zagrosek ist auch für das Festival verantwortlich und tritt beim Abschlusskonzert sogar selbst in Aktion, allerdings nicht solistisch, sondern bei einem Kammermusikprogramm mit Brahms’ Klarinetten- und Horntrio.

Der eigentliche Reiz, den „Amateuren“ zuzuhören, liegt allerdings anderswo: In der vagen, vermutlich etwas naiven Hoffnung, dass die tägliche Konfrontation mit dem „richtigen Leben“ vielleicht auch Auswirkungen auf die Sichtweise von Musik haben könnte. Wenn man durch Musik fürs Leben lernt, warum nicht auch durch das Leben für die Musik? Anders gesagt: Spielt jemand, der täglich mit der Rettung von Menschenleben beschäftigt ist, eine Schubert-Sonate (in der es ja auch irgendwie um Leben und Tod geht) anders als ein Künstler, der den ganzen Tag am Klavier sitzt? Oder hat jemand, der wie der Franzose Olivier Herbay, der im Brotberuf als Gärtner arbeitet, vielleicht ein besonderes Gefühl für die Farben in der Musik von Maurice Ravel, dessen Konzert für die linke Hand er am Donnerstag in seiner eigenen Solobearbeitung spielt? Neugierige können den ersten Test schon am Dienstag beim Lunchkonzert der Philharmoniker machen, wo Delbeau Schuberts G-Dur-Sonate spielt – eine nette Geste der philharmonischen Profis, die hoffentlich den erhofften Werbeeffekt für die nachfolgenden Recitals hat.

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