PAUKEN & Trompeten : Wie viele Verspieler sind erlaubt?

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Abends um sieben hört man im Haus jemanden Klavier spielen, und zwar John Dowlands bittersüßes Lied „Come again“. Ist es der junge Vater von gegenüber, der sein Kind in den Schlaf wiegt? Oder die Studentin aus dem dritten Stock? Jedenfalls spricht eine Taste am Klavier nicht an, und außerdem verspielt die Person sich jeden Abend an derselben Stelle. Auf die Dauer wird das anstrengend. Soll man nun vom eigenen Klavierzimmer aus dagegenhalten? Besser nicht. Stattdessen fängt man an zu sinnen: Wie viel im Ganzen müsste die Person sich neu zusammenfantasieren, damit diese Musik nicht mehr von Dowland, sondern ganz von ihr selbst stammte? Dann noch das heftige Niesen, das sich neulich hinzugesellte – ja, wo bleibt denn da die historisch korrekte Vergegenwärtigung dieser schönen Komposition? Selbstverständlich auf der Strecke.

Die Musikphilosophie denkt gern über solche Probleme nach, etwa darüber, wie viele Verspieler respektive Nieser und Huster erlaubt sind, damit ein Werk mit sich identisch bleibt. Oder über die Frage, die Isabel Mundry und Andreas Dorschel am Samstag in der Akademie der Künste (Pariser Platz 4, 19 Uhr) klären werden, während die ringsum gebotenen Adventsmusiken dieses Abends (zum Beispiel im Dom, im Konzerthaus oder der Sophienkirche) höchstens gedämpft dazu herüberklingen: Wie kann Musik Philosophie beflügeln, und wie weit lässt sie umgekehrt Einflüsse aus der Philosophie zu? Mundry und Dorschel teilen sich die große Aufgabe: sie als eine der besten Komponistinnen ihrer Generation; er als Philosoph und Experte für Musikästhetik, der jüngst eine Ideengeschichte der Metamorphose geschrieben hat, die wiederum Mundry und den Choreographen Jörg Weinöhl bei ihrer Arbeit an einem Konzert mit Tanz nach Heinrich von Kleists „Marionettentheater“ begleitete.

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