PAUKEN & Trompeten : Wir wollen noch hoch hinaus

Jörg Königsdorf über neue Jobs für Countertenöre

Jörg Königsdorf

Für seine aktuelle Ausgabe veranstaltete das Klassik-Magazin „Rondo“ mit dem Berliner Kritiker Karl Dietrich Gräwe einen etwas hinterhältigen Test. Ohne zu wissen, um welche Aufnahme es sich handelt, sollte er ein neues Rossini-Recital mit Bravour-Arien für Mezzosopran beurteilen und nach Möglichkeit die Interpretin erraten. Gräwe ging die ganze Galerie der Rossini-Heroinen durch, musste aber schließlich passen. Kein Wunder, denn die Diva war in Wirklichkeit ein Divo: Der Countertenor Max Emanuel Cencic zeigt auf seinem neuen Album (Virgin) spektakulär, dass nicht nur Bartoli und Co. die hochstimmigen Helden Rossinis bewältigen können. Der Schritt Cencics aus dem Kastratenrepertoire des 18. hinüber in die romantische Oper des 19. Jahrhunderts ist allerdings nur ein besonders markantes Beispiel für den Umbruch, in dem sich die Stimmgattung Countertenor gerade befindet.

Nachdem die falsettierenden Herren lange auf Händel und Monteverdi festgelegt wurden und mit seraphischen Stimmen barocken Kantatentrost spendeten, ist eine junge Counter-Generation angetreten, die neben besserem technischen Rüstzeug auch ein neues Selbstbewusstsein mitbringt. Der Countertenor sei schließlich die jüngste aller Stimmgattungen, sagt etwa der Franzose Philippe Jaroussky, warum sollte er also nicht auch Neue Musik oder romantische Lieder singen? Auch der Spanier Carlos Mena hat erst vor kurzem ein Recital mit spätromantischen bis zeitgenössischen baskischen Liedern vorgelegt, und Cencic selbst tritt in diesem Jahr auch in Offenbachs Operette „Die schöne Helena“ auf. Am Sonnabend aber präsentiert er erstmal sein Rossini-Programm in Potsdam, mit der Kammerakademie und ihrem neuen Chef Andrea Marcon im Nikolaisaal.

Bis sich ein Countertenor den Octavian im „Rosenkavalier“ erobert, ist es vermutlich auch nicht mehr lange hin.

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