PAUKEN & Trompeten : Wir Wunderkinder

Jörg Königsdorf

Ein bisschen unwohl wird einem schon, wenn man Alfred Brendels Urteil über seinen Schüler Kit Armstrong hört: „Die größte musikalische Begabung, die mir in meinem ganzen Leben begegnet ist“, jubelte der legendäre Pianist – und legte damit eine enorme Last auf die schmalen Schultern des Teenagers.

Denn auch wenn so ein Prädikatslob einerseits Gold wert ist und dem Jungen mehr Konzertangebote verschafft haben dürfte als der Gewinn von einem Halbdutzend Klavierwettbewerben, hat Alfred Brendels Urteil andererseits eben auch die Messlatte ziemlich hoch angesetzt. Von der „größten musikalischen Begabung“ erwartet man nicht nur brillantes Klavierspiel, sondern eben auch eine außergewöhnliche Persönlichkeit sowie ein intuitives Gespür für die Gefühle und Konflikte der Musik. Mal ganz abgesehen davon, dass das Lob des Meisters natürlich auch den Vergleich mit ihm selbst herausfordert.

Nun, Brendel kennt die Mechanismen des Klassikmarkts und dürfte einschätzen können, was Kit Armstrong zuzumuten ist – allein schon, dass dessen Karriere in den letzten Jahren zwar stetig, aber nicht so spektakulär wie möglich verlaufen ist, zeigt, dass da offenbar eine diskret steuernde Hand am Werk war. Dazu passt, dass der inzwischen 18-Jährige erst jetzt sein Berliner Debüt gibt – in einem Alter, in dem der Wunderkind-Bonus schon fast verblasst ist – und dass dieses Debüt nicht in der Philharmonie, sondern an einem eher unspektakulären Ort stattfindet: Am Freitag gibt Armstrong einen Soloabend mit Werken von Bach, Mozart, Liszt, Debussy und Mendelssohn im Bechstein-Zentrum im Stilwerk.

Der Saal im fünften Stock ist nicht groß – wer allerdings im Vorfeld keine Karte mehr ergattert, hat am gleichen Abend eine vollgültige Alternative an der Komischen Oper: Star des Sinfoniekonzerts ist dort Lise de la Salle mit Maurice Ravels G-Dur-Konzert. Die Französin ist nur drei Jahre älter als Armstrong und ein Beispiel dafür, dass eine Karriere auch ohne Wunderkind-Nimbus möglich ist. Vielleicht auch, weil ihr Spiel schon früh erstaunlich stilsicher und klarsichtig klang. Man könnte auch sagen: erwachsen.

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