PAUKEN & Trompeten : Yes, Sir!

Jörg Köngsdorf

Norrington hat es wieder einmal geschafft: Die Einspielung der Londoner Sinfonien, die Sir Roger und sein Stuttgarter Orchester vorgelegt haben, dürfte der mit Abstand gelungenste Beitrag zum HaydnJahr 2009 sein. Wie kaum ein anderer Dirigent hat Norrington ein Gespür für Haydns Humor und selbst den abgedroschensten Gag der Musikgeschichte, den Paukenschlag im langsamen Satz der gleichnamigen Sinfonie, serviert er mit so trockenem Humor, dass auch diese Pointe sitzt. Da würde natürlich passen, wenn Sir Roger für seine Berlin-Visite am Dienstag auch eine Haydn-Sinfonie im Gepäck hätte. Aber erstens ist es für ihn jetzt vielleicht genug mit Haydn, und zweitens hat auch die Junge Deutsche Philharmonie, mit der Roger Norrington auf Tour ist, ihre Haydn-Lektion schon in ihrem letzten Programm erfolgreich absolviert.

Der Abend in der Philharmonie fällt mit Musik von Schumann, Brahms und Bartók denn auch deutlich kontroverser aus. Während selbst die grimmigsten Norrington-Verächter einräumen müssen, dass sein Haydn einfach gut ist, erhitzen seine Interpretationen des romantischen Repertoires die Gemüter. Darf man diese Musik mit derart abgespecktem Streicherton spielen oder gehen mit dem satten Klang auch die großen Gefühle flöten? Wer die Frage für sich eher mit Nein beantwortet, der kann am gleichen Tag stattdessen ins Konzerthaus gehen, zum RachmaninowSchostakowitsch-Programm des Niederländischen Rundfunkorchesters.

Norrington ist eher der Mann fürs Aha-Erlebnis: Sein Beharren auf vibratofreiem Spiel dient ja hauptsächlich dazu, die klassische Form deutlich zu machen. Wie viel es bringen kann, beispielsweise die Sinfonien von Brahms aus historisierendem Blickwinkel zu sehen, führt gerade auch John Eliot Gardiner mit seinem Zyklus vor. Die live mitgeschnittenen Aufnahmen, die auf dessen Eigenlabel Soli Deo Gloria erscheinen, zeichnen ein etwas rigides, aber verblüffend ungestümes Brahms-Bild – Schicksalhaftigkeit ohne dampfendes Pathos.

Norrington wagt sich noch weiter vor: Ähnlich wie Nikolaus Harnoncourt ist er mit seiner Aufräumarbeit längst im 20. Jahrhundert angelangt. Nachdem er schon für seinen letzten Berliner Auftritt mit Bergs Violinkonzert ein Schlüsselwerk der Moderne ausgesucht hatte, ist diesmal Bartóks zweites Violinkonzert an der Reihe. Die Chancen auf ein stimmiges Gesamtergebnis stehen bestens: Mit Carolin Widmann hat er eine der besten deutschen Geigerinnen verpflichtet, eine überaus gescheite, reflektierende Musikerin. Sie weiß, worauf sie sich einlässt.

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