PAUKEN & Trompeten : Zitterndes Gerippe

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Ein Dokument von Furcht und Mut gleichermaßen ist der mehr als 100 Seiten lange Brief, den Franz Kafka 1919 an seinen Vater schrieb und nie abschickte. Kaum zuvor hatte der Vater sein Missfallen angesichts der Heiratspläne des inzwischen 36-Jährigen bekundet. Nun bekam er – ohne sie jemals zu erhalten – die schriftliche Quittung dafür: eine Generalabrechnung über das, was er bislang geleistet und verbrochen hatte bei der Erziehung des einzigen Sohnes.

Kafka, zu dieser Zeit bereits als Autor des „Urteils“ und der „Verwandlung“ öffentlich vorstellig geworden (wenn auch ohne große Wirkung), zeichnet das Bild eines tyrannischen, emotional grausamen Mannes, von dem sich das Kind geradezu zermalmt sah, um dessen Zuwendung es gleichwohl bemüht blieb: Der Vater körperlich stark, groß, breit, der Sohn „ein kleines Gerippe“, in ständiger Angst, „niedergestampft“ zu werden.

Bemerkenswert ist nicht nur der eigentümliche Blick auf die Vater-Sohn-Beziehung, zu dem die manipulative Stilisierung ebenso gehört wie die Akribie bei der Auflistung der väterlichen Verfehlungen, sondern auch die Einsicht in das Es- ist-So der Dinge. Der erwachsene Sohn hört aus den Ratschlägen des Vaters nurmehr den „fürchterlichen heiseren Unterton des Zornes und der vollständigen Verurteilung, vor dem ich nur deshalb weniger zittere als in der Kinderzeit, weil das ausschließliche Schuldgefühl des Kindes zum Teil ersetzt ist durch den Einblick in unser beider Hilflosigkeit“.

Die Komponisten Sebastian Elikowski- Winkler, Laura Mello, Sarah Nemtsov, Tom Rojo Poller und Arne Sanders haben den Brief nun von neuem gelesen und jeweils einen Abschnitt zu einer viertelstündigen Miniatur vertont. Szenische Intermezzi verbinden die fünf Stücke miteinander. Die Uraufführung von „Kafkaskop“ (Regie: Lotte Greschik) findet am Freitag im Konzerthaus am Gendarmenmarkt statt, das Ensemble Adapta musiziert mit der Sängerin Claudia van Hasselt und dem Schauspieler Jakob Spindler.

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