Paul Bowles : Der Fremde im Glück

An Marokko schätzte er "die Stille, die Sonne, das Nichts". Weisheit und Ekstase: Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers und Komponisten Paul Bowles.

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Der Rastlose. Paul Bowles im Jahr 1990.
Der Rastlose. Paul Bowles im Jahr 1990.Foto: AFP

Als Paul Bowles 1931 mit seinem Freund und Lehrer, dem Komponisten Aaron Copland, erstmals Marokko bereiste, begann für ihn eine lebenslange Leidenschaft. „Wie jeder Romantiker hatte ich stets vage vermutet“, heißt es in seiner Autobiografie „Without Stopping“, „dass ich eines Tages an einen magischen Ort kommen würde, der mir durch die Offenbarung seiner Geheimnisse Weisheit und Ekstase schenken würde, vielleicht sogar den Tod. Und jetzt, als ich im Wind stand und die Berge vor mir betrachtete, spürte ich das Summen eines Motors in meinem Innern, und es war, als näherte ich mich der Lösung eines bisher nicht geahnten Problems.“

21 Jahre alt war Paul Bowles zu diesem Zeitpunkt, und es sollten noch einmal sechzehn rastlose Jahre vergehen, bevor er mit seiner Frau Jane endgültig nach Tanger übersiedelte und der Stadt dann bis zu seinem Tod im November 1999 die Treue hielt. Tanger entpuppte sich als der Ort, „der mich mehr als alles andere anzog“ und wohin ihm in den folgenden Jahren viele Kollegen folgten, allerdings ohne dort allzu lange zu bleiben: allen voran die Schriftsteller der Beat-Generation wie William S. Burroughs, Allen Ginsberg und Brion Gysin. Aber auch ein Truman Capote, der es jedoch nicht länger als drei Monate aushielt. Für Capote wurde Tanger nicht zum Mythos, sondern war nurmehr eine „zerlumpte Stadt“. Paul Bowles aber hatte seine Bestimmung gefunden. Hier in Tanger begann Bowles gleich 1947 seinen ersten und berühmtesten Roman „Der Himmel über der Wüste“ zu schreiben, der 1949 nach einigem Hin und Her veröffentlicht wurde; hier förderte er nicht zuletzt einheimische Künstler wie die Schriftsteller Mohammed Marabet und Mohamed Choukri oder den Maler Ahmed Yacoubi, den er nach eigenen Aussagen immer wieder dazu ermutigte, „so primitiv wie möglich zu sein ..., so zu bleiben, wie er war“; und hier, in der vermeintlich archaischen Fremde, sollten zunächst auch seine existenziellen Zweifel an der westlichen Zivilisation verschwinden.

So heimisch, wie Paul Bowles aber in Tanger wurde, so sehr hat diese enge Verbindung oft für Missverständnisse in der Betrachtung seines Lebens und Werkes gesorgt. Scharen von Journalisten empfing Bowles in seinem letzten Lebensjahrzehnt, nachdem Bernado Bertolucci „Himmel über der Wüste“ und die Stuttgarter Filmemacher Frieder Schlaich und Irene von Alberti drei seiner Kurzgeschichten verfilmt hatten. Die Besucher beschrieben dann zum Beispiel seine spartanische, vermeintlich an eine „Beatnikhöhle“ gemahnende Wohnungseinrichtung oder bezeichneten ihn als „spiritus rector der Beatniks“. Er wiederum versorgte sie geschickt und distanziert mit Allgemeinplätzen und antwortete auf Fragen, was ihm etwa an Marokko so gefalle, mit Sätzen wie: „Die Sonne, die Stille, das Nichts.“ Oder er bezeichnete sein Leben als sehr eintönig, auf den Umgang mit denjenigen beschränkt, „die mich bedienen und mir meine Mahlzeiten zubereiten – und mit jenen, die mich interviewen wollen“.

Paul Bowles war zu einem Mysterium geworden, snobistisch, weise, authentisch, zu einer lebenden Legende – leicht in Vergessenheit geriet dabei trotz seiner Wiederentdeckung durch Bertoluccis Film in den späten achtziger Jahren, dass er keineswegs ein Beatnik-Schriftsteller war, sondern ein klassischer, mitunter sehr konventioneller amerikanischer Erzähler. In seinen vier Romanen und zahlreichen Erzählungen verlieren die Protagonisten in der Regel die Orientierung bei ihrer meist gezielt unternommenen Suche nach dem anderen, dem Fremden, nach dem „Natürlichen“, Ursprünglichen, Wilden. So wie der junge Nelson Dyar in Bowles’ zweitem Roman „So mag er fallen“. Dyar entflieht der Leere seines New Yorker Bankangestelltenalltags und erkennt in Tanger: „Er hatte alle Sicherheit für etwas aufgegeben, von dem ihm jedermann, auch sein eigenes Gefühl, vorausgesagt hatte, es sei ein verrücktes Abenteuer.“ So wie das Ehepaar Slade, das sich in Bowles’ letztem, 1966 veröffentlichten Roman „Der Gesang der Insekten“ durch Mittelamerika treiben lässt und zum Opfer mysteriöser Drogenexperimente wird. Oder so wie der Schriftsteller John Stenham in Bowles’ drittem Roman „Das Haus der Spinne“, der die Bewohner von Fez so beschreibt: „Sie verkörperten das Geheimnis des Menschen, der in Frieden mit sich selbst lebt, einverstanden mit seiner Lösung des Lebensproblems; ihre Selbstzufriedenheit bestand darin, dass sie keine Fragen stellten.“

Obwohl Tanger nicht mehr die Stadt der dreißiger und auch nicht mehr der fünfziger Jahre war, sie touristischer, mithin globaler wurde, schien Bowles nach dem Tod seiner Frau Jane 1973 („Ich verlor die Hälfte meiner selbst“) und der nicht zuletzt damit verbundenen nachlassenden Kreativität seinen Frieden nur noch hier finden zu können. Er beharrte auf der „Primitivität“ seiner Schützlinge, mit denen er auch homoerotische Beziehungen unterhielt, und zeichnete hingebungsvoll die Volksmusik der marokkanischen Berber auf. Zu sehr war er seit seiner Geburt 1910 in New York als Sohn eines missmutigen Zahnarztes und einer künstlerisch gesinnten Mutter auf einer hektischen, friedlosen Suche gewesen, vor allem nachdem er sich kurz nach dem Schulabschluss ohne Wissen seiner Eltern nach Paris abgesetzt hatte.

Seine Suche ist in der Folge auch künstlerischer Natur. Er schreibt Gedichte, flirtet mit den Surrealisten, macht Musik und nimmt Kompositionsunterricht bei Aaron Copland. Gertrude Stein, mit der er sich 1931 in Paris befreundet, rät ihm barsch, das mit der Lyrik sein zu lassen und ausschließlich schöpferischer Musiker zu werden. Und tatsächlich verlegt er sich zunächst auf das Komponieren von Musik. Bowles bekommt Aufträge für Filmmusiken, arbeitet in Manhattans Theater- und Ballettszene an Inszenierungen und Choreografien mit, komponiert für Orson Welles, Elia Kazan oder Tennessee Williams, schreibt Sonaten – und führt mit Jane, die er 1938 heiratet, ein unstetes Leben zwischen New York, Mexiko, Mittelamerika und Europa.

„Without Stopping“ heißt nicht ohne Grund seine Autobiografie, die er Anfang der siebziger Jahre eher lustlos und wenig ambitioniert schreibt. Was daran liegen mag, dass er seine „magische Stadt“ lange gefunden hat, von ihm zuletzt mal als „durch und durch korrupt“ bezeichnet, dann wieder als Stadt, „die viel weniger als die meisten anderen in vergleichbarer Größe von den negativen Aspekten heutiger Zivilisation berührt wurde“.

An dieser Vorstellung einer anderen, unberührteren, authentischeren Zivilisation hat er bis zum Ende seines Lebens tapfer festgehalten – dass das viel von einer Projektion hatte, von einer Übertragung im psychoanalytischen Sinn, dass die sehnsüchtig suchenden, ahnungslosen Westler mit ihren Visa-Karten und Flugtickets in der Tasche nie ein Paradies vorfanden, davon erzählen seine Bücher.

Die Veränderungen in seiner Wahlheimat ignorierte er keineswegs; er wusste aber Anfang der achtziger Jahre auch: „Nicht alle Verwüstungen, die unser erbarmungsloses Zeitalter angerichtet hat, sind greifbar. Die subtileren Formen der Zerstörung, jene, die nur den menschlichen Geist erfassen, müssen wir am meisten fürchten.“ Heute wäre Paul Bowles hundert Jahre alt geworden.

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