Paul Flora : Ein bisschen wie der liebe Gott

Der Rabe war sein Wappentier: Zum Tod des großen Zeichners und liebenswürdigen Spötters Paul Flora.

Manfred Eichel
Flora
Paul Flora im Jahr 2001. -Foto: Imago

Er war ein schwieriges Kind. Doch die „interessanten Komplexe“, die er sich schon früh aneignete, bildeten später eine recht ertragreiche „Geschäftsgrundlage“. So jedenfalls die Vermutungen allerdings nicht eines Analytikers zur Kunst des Paul Flora, sondern die lakonischen und freimütigen Bekenntnisse des Künstlers selbst. Er hat, wie wenige andere Zeichner seiner Güteklasse, menschliche Schwächen, Verstrickungen und Unzulänglichkeiten durchschaut und sie so geistreich wie amüsant bewusst gemacht, Paul Flora, ein Meister der optischen Komik.

Was er schon früh bei Saul Steinberg bewundert hatte, charakterisiert sein eigenes Werk – die Vorrangstellung des visuellen Einfalls. Und der wirkt bei den Großen seiner Zunft eben auch ohne Gebrauchsanweisung in einer erklärenden Unterzeile. Wenn etwa Hilfsbereite einem, der sich aufhängen will, eine Leiter bringen. Oder wenn eine Kundin Männer von der Stange begutachtet. Oder wenn ein Greis sorgfältig Särge betrachtet. Paul Flora attestierte sich selbst einen „Hang zu Unheimlichkeiten, abgemildert ins ironisch Liebenswürdige“.

14 Jahre lang hat er für die „Zeit“ gezeichnet. Vor allem das hat ihn ins Gedächtnis zahlreicher Bewunderer gebracht und als Kommentator bundesrepublikanischer Befindlichkeiten im öffentlichen Bewusstsein verankert. Etwa 3500 Beiträge erschienen seit Ende der fünfziger Jahre auf der ersten, der politischen Seite der Wochenzeitung. Obwohl er, wie er meinte, sehr wenig von deutscher Politik verstanden und die „Zeit“-Verlegerin Dönhoff damals nie mit ihm über Politik gesprochen habe. Er sei auch nie durch Telefonate, Wünsche oder gar durch korrigierende Eingriffe in seiner Tätigkeit gestört worden.

Die Gräfin Dönhoff erinnert sich an den Mann, der damals das Gesicht der „Zeit“ maßgeblich mitgeprägt hat: Paul Flora habe „augenzwinkernd und ein wenig amüsiert“ an der Seite gestanden und „so ein bisschen wie der liebe Gott“ ausgesehen. Sein Schöpfer-Handwerk hat er vor allem Alfred Kubin abgeschaut, dem Zeichner fantastischer Traumvisionen. Bereits als 15-Jähriger hatte er dessen Arbeiten gesehen und sofort begonnen, „kubinisch“ zu zeichnen. Auf der Kunstakademie in München war er dann Schüler von Olaf Gulbransson, dem Satire-Zeichner des „Simplizissimus“. Später bekannte er, sei er neben Steinberg auch von Klee und Feininger beeinflusst worden. Aber auch Matisse, Picasso und Kokoschka waren wichtig für ihn und seine künstlerische Entwicklung.

Paul Flora verfügte souverän über ein ganzes Arsenal von Stilen, die er aber so virtuos beherrschte, dass sie alle zu seinen Markenzeichen wurden: der schnelle, sichere Strich, mit dem er seine Musen- oder Schlachtrösser wiedergab, seine Gartenzwerge, Revolutionäre oder Spione – und die flinke Schraffur, mit denen er seine Festungen zeichnete oder die berühmten Raben-Schwärme. Wie er überhaupt diesen intelligenten, vom Menschen verunglimpften und zum Wappentier der Melancholie erhobenen Vogel rehabilitiert hat.

Floras kleine Kunstwerke, die immer wieder zu Entdeckungen einladen, belegen den hohen Rang, den die komische Zeichnung innerhalb der Bildenden Kunst hat. Unverständlich, dass dieser Rang auf dem Kunstmarkt noch immer nicht gebührend beachtet wird.

Paul Flora, der am 29. Juni 1922 in Südtirol geboren wurde, ist dort, wie er sich später erinnerte, in einem Bewusstsein erzogen worden, einem verfolgten und auserwählten Stamm anzugehören. Und „es wurde ein wahres Gebirge von Vorurteilen auf mich gehäuft“. Sein Vater, ein Arzt, hatte dann „glücklicherweise“ die Idee, sich mit der Familie wenigstens bis Innsbruck zu entfernen. Damals war der Knabe sechs Jahre alt, 80 Jahre blieb er seiner neuen Heimat verbunden.

Noch als Kind, lange nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, erlebte er 1932 die eindrucksvolle Beerdigung eines berühmten Kaiserjägergenerals und er sah die „Überreste von AltÖsterreich durch die kahle Kastanienallee, von Raben umkrächzt, unter düsterem Himmel dem Friedhof entgegenwanken“. Diese Bilder, einschließlich solcher von königlich-kaiserlichen Offizieren und deren edel ausstaffierten Damen, fanden sich seitdem immer wieder in den Zeichnungen des Paul Flora. Obwohl sie als historisierende Dokumente gesehen werden können, belegen sie doch unzweifelhaft, dass ein leichter Spott, ein ausgeprägtes Empfinden für komische Szenen in ihrer Unterhaltsamkeit, aber auch mit ihrem philosophischen Hintergrund absolut zeitlos sind. Jedenfalls dann, wenn all das von einem so brillanten Zeichner wie Paul Flora zu Papier gebracht wird.

Wie sein Verlag, Diogenes in Zürich, mitteilte, ist Paul Flora am Freitag im Alter von 86 Jahren im Kreis seiner Familie in seiner Innsbrucker Heimat gestorben.

Der Journalist Manfred Eichel, Honorarprofessor an der Berliner Universität der Künste, leitete unter anderem die ZDF-Sendung „Aspekte“.

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