Paul Lewis beim Berliner Klavierfestival : So intensiv wie Hypnose

Kein Melodiebogen zu weit, keine Durchführung zu schillernd: Paul Lewis mit Schubert, Brahms und Liszt beim Berliner Klavierfestival.

von
Paul Lewis
Paul LewisFoto: Jack Liebeck

Nur 76 Jahre trennen die älteste und die jüngste Komposition in Paul Lewis’ Klavierabend – doch das genügt dem britischen Pianisten, um die Hörer bei seinem Auftritt im Rahmen des Berliner Klavierfestivals in hinlänglich viele unterschiedliche Welten zu entführen. Den Beginn des romantischen Programms im Kleinen Saal des Konzerthauses macht Franz Schuberts 1817 komponierte große Klaviersonate in H-Dur. Und schon in den ersten Takten wird eine der großen Stärken des Brendel-Schülers deutlich: Sein rhetorisch klug phrasiertes Spiel hat stets ein Ziel: Kein Melodiebogen ist ihm zu weit, keine Passage der Durchführung ist ihm harmonisch zu schillernd beleuchtet, als dass die Details nicht als Teil eines klaren übergeordneten Spannungsbogens erscheinen würden. Er endet erst dort, wo wirklich alles gesagt ist. Viel passiert beim Andante in Lewis’ Gesicht und sogar ein leises Stöhnen und tiefes Atemholen ist zu hören, doch wie geläutert ergießt sich die Emotion in ein fließendes, liedhaft-inniges und völlig unangestrengt wirkendes Spiel. Von seiner kammermusikalischen Seite zeigt sich Lewis in den feinsinnig gezeichneten Linien des Scherzos, während er dem rhythmisch widerborstigen Beginn des Finales eine feierliche Note verleiht, um den Satz unter einen lyrischen Bogen zu zwingen.

Facettenreich vom geheimnisvollen Erzählerton bis zum mit raubtierhaften Tastenanschlag einsetzenden Scherzando erklingen Brahms’ Balladen op. 10, die bei Lewis zu einer großen Sonate zusammenwachsen. Hypnotische Intensität ohne drückende Schwüle gewinnen auch Johannes Brahms’ späte Intermezzi op. 117. Trotz orchestraler Klangfülle und intensiven Pedalgebrauchs sind alle Mittelstimmen klar und innig ausgesungen. Seine lyrische Begabung kann der erfahrene Liedbegleiter selbst in Franz Liszts Fantasia quasi Sonata nach Dantes „Göttlicher Komödie“ nicht verleugnen: Ohne Härten im Anschlag setzt er die wuchtigen Anfangstakte in den Raum, nie wird ihm die donnernde Virtuosität des Stücks zum Selbstzweck: Was in der Fantasie auch passiert, scheint in Verbindung zu dem wohl Dantes verstorbene Geliebte Beatrice verkörpernden chromatischen Thema zu stehen, das Lewis in den unterschiedlichsten Situationen mit Intensität und Liebe in Szene setzt.

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