Kultur : Paul Raackow im Bellevue: Tango: Flinke Finger

Jochen Metzner

Mit seinem Ensemble Tango Real konnte er in den letzten Jahren schon Erfolge in Buenos Aires und Montevideo feiern. Wenn der Berliner Bandoneonist Paul Raackow jetzt als Solist in der intimen Wohnzimmer-Atmosphäre des Tiergartener Bellevue auftritt, dann nutzt er die entstehenden Freiräume, um seine Kaschemmen-Tangos, Milongas und Salon-Walzer mit jenen lyrisch-amourösen Ergüssen zu garnieren, die Generationen vor allem argentinischer Dichter rund um das Genre schufen. Mit der segensreichen Erfindung des Krefelder Musiklehrers Band aus dem 19. Jahrhundert zwischen den Fingern, die einst zur Beförderung kleinbürgerlich-proletarischen Musikschaffens im Verein gedacht war und dann en passant die halbe Lebewelt eroberte, entführt er uns in eine Sphäre, wo das säuselnde Flirren der Synkopen den Ton angibt und stetes Schummerlicht herrscht. "Heute ist der Tango eine Erinnerung an etwas, was wir nie besessen haben", deklamiert der Mann mit dem Ohrring, der sich als ebenso routinierter Rezitator wie fingerflinker Knöpfchendrücker erweist. Diesen wohl zeitlos-sehnsüchtigen Grundtenor fängt Raackow in einem musikalischen Reigen ein, der von den Klassikern über "Nonino", Piazzollas Tango Nuevo, bis ins Heute reicht. Das Hineintauchen in die meditativen Zwischentöne dieser Musik ist allerdings seine Sache nicht. Für die impressionistisch-hingebungsvolle Ausmalung all des "Streulichts auf der Frau in meinen Armen" fehlt dem Berliner Bandoneonisten noch der lange, frei tragende Atem. Allein mit seiner melodisch bündigen Virtuosität, mit der Paul Raackow im Tango Real-Ensemble der ideale Spielmacher ist, verschenkt er als Solist aber viel von dem, wonach die eingestreuten Poeme so heftig verlangen (nochmals heute, 20 Uhr).

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