Kultur : "Paul und Paula": Das also ist des Pudels Hirn

Kerstin Decker

Der Pudel wartet vorm Intendantenbüro. Den Ankömmling gelassen musternd, ein wenig von oben herab, angefüllt von einer quasi-metaphysischen Langeweile, die tiefen Zweifel verbirgt. Der Pudel als Intendant. Vollkommen! Doch Deutschland ist ein pudelfeindliches Land. Hunde dürfen nicht Intendanten werden.

Sein Besitzer ist schon unten bei den Proben. "Paula, ich liebe dich", ruft Paul vom Dach des rosa Bungalows. Leander Haußmann befindet sich in genau derselben seelischen Verfassung wie sein Pudel. Er trägt ein weißes, weites Hemd, Jeans und die Haare vom späten Beethoven. "Paula, ich liebe dich", ruft Paul noch einmal. Haußmann denkt jetzt sicher an die tausend Möglichkeiten, diesen Satz auszusprechen, und an die einzig richtige. Woran erkennt man sie? Eine lange Regenrinne, nein, Pipeline, läuft quer durchs Theater bis auf die Bühne. Haußmann setzt sich auf die Regenpipeline - "Paula, ich liebe dich!" -, als ein älterer Herr fassungslos bemerkt: "Mein Text mit dem Rückenleiden ist weg." - Nein!, sagt Haußmann. Die Stelle mit dem Rückenleiden kennt er genau. Die Passage kann nicht weg sein. Die Rolle hatte er schließlich selber, Anfang der achtziger Jahre in Gera. In seinem zweiten oder dritten Engagement am Theater. Mit Bert Neumanns allererstem Bühnenbild. Unter Frank Castorfs Regie. Mitten in der Provinz. "Paula, ich liebe dich", entfährt es Paul auf dem Bungalow-Dach.

Fast jeder in der DDR kannte Ulrich Plenzdorfs "Legende von Paul und Paula". Sie handelte davon, dass Paul Paula liebt. Und Paula liebt Paul. In Wirklichkeit aber handelte sie davon, dass Paul Paula noch viel, viel mehr liebte als den Sozialismus. Man sieht es besonders gut an der Rückenschmerzen-Stelle. "Unter Vorspiegelung eines Rückenleidens nahm Paul die Leistungen seiner Dienststelle in Anspruch." Das heißt, er ging nicht mehr hin, um besser auf Paula warten zu können. All die Tage und Nächte vor ihrer Tür. Wer dürfte heute noch so lieben? Die "Dienststelle" aber war nicht irgendeine. Die Stasi? Ein DDR-Funktionär als Tristan. Hat Haußmann das mit den Bürgerrechtlern abgesprochen?

Haußmann war mal Schauspieler. Er holt sich jetzt ein Bier in der Volksbühnenkantine. Er tut so, als lebe er an Land. Aber das stimmt nicht. Man erkennt es an seinen Bewegungen. Alles Wasser-Gesten, so rund, so ungefähr, so schwimmend. Darum sagt er auch nicht "Guten Tag", Förmlichkeiten im Ozean sind albern. Bestimmt hat er Bergson gelesen, die Sache mit dem "elan vital". Ja, genau, der Ex-Bochumer Intendant und "Sonnenallee"-Regisseur befindet sich mitten im "Lebensstrom". Da holt ihn jetzt keiner raus. Der Pudel mit dem Intendantenblick läuft selbstbewusst durch die Kantine und legt sich auf Haußmanns Füße. Wie spricht man zu einem Schwimmenden?

"Betreiben Sie hier nicht rückwirkende Verharmlosung eines totalitären Regimes?" Nein, unmöglich. Vielleicht so: Heiner Carow machte aus "Paul und Paula" den erfolgreichsten DEFA-Film aller Zeiten. Sie machten aus Brussigs "Sonnenallee" den erfolgreichsten Post-DDR-Film aller Zeiten. "Paul und Paula" auf dem Theater als Fortführung der "Sonnenallee" mit anderen Mitteln? - Haußmann hebt langsam den Blick aus seinem Bier und sagt etwas von Kiplings "Dschungelbuch", das auch als Film und als Buch existiere, ohne dass jemand eine Frage dazu habe. Aber dann klart der Unterwasserblick des Regisseurs auf, er geht an Land: "Paul und Paula" würde er sowieso bloß an der Volksbühne inszenieren, denn nur hier passe es hin. Trotzdem habe er sich anfangs geweigert, aber dann Bert Neumanns neues Bühnenbild gesehen, das mit den Bungalows und der Pipeline, und sofort ja gesagt. Zudem handele es sich um eine Berlin-Premiere. Denn das Theaterstück "Paul und Paula" entstand zwar Anfang der Siebziger im Auftrag des Deutschen Theaters, wurde aber sofort verboten, weil Paul am Ende in den Westen abhaut. Nichts an Haußmann ist jetzt mehr ozeanisch-unbestimmt: "Wir sind uns doch einig, die DDR war eine menschenverachtende Diktatur, entstanden unter Missachtung aller Gesetzmäßigkeiten, die Marx für den Sozialismus aufgestellt hat!" - Nein, da ist kein unterseeisches Lächeln, der Regisseur meint es ernst. Dass Theaterleute so proseminarhaft denken können! Aber Haußmann ist schon einen Schritt weiter. Bin ich denn Kommunist?, fragt er, um sich mit metaphysischer Traurigkeit zu antworten: Eher nicht, denn dazu fehle die Grundvoraussetzung. Der Materialismus. "Ich bin dem Metaphysischen zu sehr zugeneigt." An dieser Stelle beschließt der Pudel, die Unterredung zu verlassen. Nein, er hat doch keinen Intendantenblick. Er ist einfach nur der selbstbewussteste, bestverteidigte Pudel der Stadt.

Leander Haußmanns Gesicht zeigt keine Spuren mehr des Kampfes mit jenen Pudelhassern, die ihn vor einigen Monaten verprügelten. Er spricht jetzt über die metaphysischen Tatbestände des Lebens, solche Paulundpaula-Lieben und die Erotik in der DDR. "Die DDR hatte eine absolut exotische Erotik. Es war wie eine 17-Millionen-WG."Aber die DDR hätte doch ganz schön graumäusig ausgesehen, gebe es denn eine Erotik der grauen Mäuse? Der Regisseur reagiert ungehalten: Die DDR, eine graue Maus? Erotik könne man eben keinem erklären. Haußmann nimmt den Salzstreuer vom Tisch. Oder erkläre mal einer die Erotik eines Salzstreuers, sagt er, ein Salzstreuer sei aber hocherotisch. Erotik ist nicht Sex!, fügt er plötzlich erschrocken an. Leander Haußmann hat das Gefühl, man muss solche Dinge erklären in diesem neuen, alten Land. Genau wie man plötzlich Freiheit erklären müsse. In der DDR wußte jeder, was das ist: kein kollektiver Begriff, sondern ein individueller, ein geistiger. "Die Mauer hat uns doch nicht die Freiheit genommen, so ein Quatsch." Ihm werde immer schlecht, wenn man ihm mit der Freiheit die Welt deuten wolle. Paul und Paula, das seien freie Menschen. Paul, der Funktionär, der Spießer, der Meinungshafte, wird frei durch Paula, mitten in der DDR. Sie bringen es auf den Punkt - ihr Leben. Leander Haußmann glaubt, in der Demokratie gibt es genauso wenig Auf-den-Punkt-Bringer wie zuvor in der DDR.

Angst bestimme die Welt, nur anders heute. Dann taucht er zurück in die ozeanische Löslichkeit. Er sagt nicht Tschüss. Gewässer verabschieden sich nicht. Aber er kommt noch mal wieder und fügt an: "Deshalb haben wir auch so wenig Freunde, jeder von uns." Haußmann geht wieder und kommt noch mal: "Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie andere heute durchs Leben kommen. Mit dieser Angst." Leander Haußmann zieht sich zurück wie alle Ozeane. Wellenartig.

Vielleicht ist er der einzige seines Alters aus der DDR, der "Die Legende von Paul und Paula" nicht aus dem Kino kannte. Ein Ostfilm! In der DDR sah Leander Haußmann grundsätzlich keine Ostfilme.

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