Kultur : Paul Weller: jetzt mit Otto-Schily-Pottschnitt!

Pop ist eitel.Wichtig ist nicht bloß das Lied, das ein Sänger singt.Viel entscheidender ist, wie er dabei aussieht.Spätestens seitdem er vor 13 Jahren für ein Cover seiner damaligen Band The Style Council in seinem "Favourite Shop" zwischen Second Hand-Klamotten und Edelnippes posierte, gilt Paul Weller als Beau, dem Mode im Zweifelsfall wichtiger ist als Musik.Damals hat er sich um die Rückkehr des Trenchcoats verdient gemacht und durchgesetzt, daß zu Wildlederschuhen durchaus auch weiße Socken getragen werden dürfen.Heute springt erin dunkelblauen Jeans und einem engen schwarzen Pulli auf die Bühne der Berliner Columbia-Halle sowie mit einem fransigen Pilzkopf, der an Otto Schilys anthroposophischen Pottschnitt erinnert."Klassisch modern" würde der Stilkundler das derzeitige Outfit des Pop-Dandys wohl nennen.Genauso hat Weller im sympathischen Größenwahn sein neues Album getauft: "Modern Classics" versammelt sämtliche Singles seiner Solokarriere und einen neuen Song, der ausgerechnet "Brand New Start" heißt.Bislang hat noch jeder Neuanfang den ehemaligen Sänger des Punk-Trios "The Jam" auf seine alten Wege geführt: zurück zum Soul und Blues der sechziger Jahre, denen er immer näher kommt, je älter er wird.Live klingt Wellers Retro-Rock rauher und kompakter als auf seinen Platten.Den Sänger, auch mit 40 noch ganz zorniger junger Mann, hält es von Anfang an kaum hinter seinem Standmikrophon.Er stößt seinen Oberkörper im Takt vor und zurück, reißt immer wieder seine Gitarre hoch und springt so derwischartig über die Bühne, als stünde nicht bloß seine Gitarre, sondern auch er selber unter Strom.Die Musik ist pure Energie.Weller mischt Songs aus seinen vier Soloalben - "Holy Man", "Friday Street", "Science" - mit einem Medley seiner Hits aus den Style Council-Tagen.Seine Stimme zerdehnt die Silben, wütet, wimmert, wehklagt.Kaum ein Stück dauert länger als drei Minuten, für solistische Eskapaden bleibt keine Zeit.Nach einer halben Stunde gönnt sich Weller eine Verschnaufpause und hockt sich ans Keyboard, um "You do something to me" zu spielen, eine wunderbare Ballade.Anschließend rockt er umso härter weiter: "Heavy Soul" mit seinem neilyoungesken Gitarrendonnern wird zum Stahlgewitter.Der Abend endet nach 90 Minuten und einer Zugabe mit Begeisterungsstürmen.Am Ausgang kann man zwar keine CDs kaufen, dafür aber Klamotten.Karierte Ben-Sherman-Hemden: garantiert ein Trend in diesem Winter. chs

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