Kultur : Pausenfüller

Laura Weißmüller

über den Klick, der die Zeit anhält Die Warteschlange vor der Goya-Ausstellung dürfte Nicolas Jean-Paul Perren freuen: Berlin bietet wieder das perfekte Motiv für seine Fotografien. Genau wie im letzten Jahr, als sich die Besucherschlange um die Neue Nationalgalerie wand. Für sein großformatiges Triptychon „MoMA in Berlin“ positionierte der Schweizer Architekt drei Kameras vor dem Museum und drückte gleichzeitig den Auslöser. Die Ansichten montierte er so zusammen, dass auf den ersten Blick der Mies-van-der-Rohe-Bau zum Vieleck mutiert. Erst bei genauerem Hinsehen offenbaren sich die Brüche: So erscheinen einige Wartenden gleich dreimal im Bild, aber jedes Mal aus einem anderen Blickwinkel. Nachdem das Auge über die erste Kittstelle gestolpert ist, wird es misstrauisch und sucht nach weiteren „Fehlern“. Alle Fotomontagen der Ausstellung in der Galerie Artbuero Berlin (Auguststraße 72, bis 20. August) besitzen diese fast unsichtbaren Übergänge und dehnen die Zeit sichtbar aus – wie eine Stunde in der Warteschlange (1800 bis 2200 Euro).

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Auch Esther Levine fügt in ihrer Ausstellung „The Urban Photo Project – New York“ in der Galerie & Edition J.J. Heckenhauer (Brunnenstraße 153, bis 24. August) kleinformatige Bildpaare zusammen: Neben einer prall gefüllten Fleischauslage stolziert das New Yorker Nachtvolk in einen Club, die strahlende Partyschönheit mit dem braunen Händeabdruck im tiefen Dekolleté hängt an der Wand direkt neben dem schlafenden Obdachlosenhund. Erst durch die konträren Kombinationen ergeben sich Erzählungen, die zwar nicht unbedigt neu, aber von hohem ästhetischem Reiz sind. Der Fotostrecke gegenüber hängen fünf größere Arbeiten, die einzelne Szenen beleuchten (1400 bis 3200 Euro). Hier kommt die Frankfurter Fotografin ihren Motiven sehr nah und schreibt etwa mit ihren Aufnahmen von schäbigen Klingelschildern kleine Soziogramme.

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Ganz anders verhält es sich mit der fortlaufenden Serie „The Middle of the Day“ von John Miller , die gleichwohl die spannendste Strategie verfolgt. Seit 1994 hält der Künstler, der auch als Kunstdozent sowie Kritiker arbeitet, in unzähligen Fotografien die Zeit zwischen 12 und 14 Uhr fest. Geht der Besucher die über 80 ausgewählten Fotos in der Galerie Barbara Weiss (Zimmerstraße 88/89, bis 20. August) ab, irritiert zunächst vor allem die Offenheit des Konzepts, das weder bestimmte Orte, Perspektiven noch Motive vorgibt. Die meisten Aufnahmen entstanden auf der Straße und in Parks, einige aber auch innen. Nur Format, Rahmen und Hängung machen die Fotografien als Serie kenntlich sowie – auf den zweiten Blick – die seltsame Konturlosigkeit der aufgenommenen Alltagssituationen: In einem amerikanischen Schnellrestaurant sitzen ein paar gelangweilt wirkende Gäste. Eine rundliche Frau überquert gedankenverloren die Straße, ein alter Mann auf einer Baustelle blickt versunken bei einer Zigarette in die Ferne (je 2000 Euro). Aufregung sucht das Auge vergebens in dieser wohl unspektakulärsten Zeit des Tages, die den Arbeitstag teilt. Wie ein Voyeur fängt Miller die für ihn „deprimierendste Tageszeit“ ein. „Mein Dokumentarprojekt ist ein Projekt ohne Gegenstand, insofern sein Gegenstand der diffuse Stoff des täglichen Lebens ist“, erklärt der Künstler, der in den Neunzigerjahren mit seinen John-Miller-Brown überzogenen Material-Assemblagen bekannt wurde. Gerade im Diffusen aber fängt Miller wie beiläufig den heutigen Umgang mit der eigenen Arbeits- und Freizeit, mit Alltag und Leere ein und streift dabei Themen wie Produktivität und Arbeitsethik.

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