Pavese-Roman "Die einsamen Frauen" : Der Unzulängliche

Zum 100. Geburtstag von Cesare Pavese erscheint sein schönster Roman in einer Neuausgabe

Steffen Richter

Die meisten Romane von Cesare Pavese haben ihre Jahreszeit. Mal flirrt das ausgestorbene Turin in der Augusthitze, mal wird in den herbstlichen Hügeln des Piemont Wein gelesen. „Die einsamen Frauen“ ist eher ein Winterbuch. Und es ist ein Buch, das auf beklemmende Weise die Zukunft seines Autors zu kennen scheint. Eines Schriftstellers, der als Essayist, Verlagslektor und Übersetzer die italienische Nachkriegskultur maßgeblich geprägt hat – und doch an den eigenen Ansprüchen ans Leben gescheitert ist.

Es sind die Tage des letzten Januar-Schnees, der Zweite Weltkrieg ist noch nicht lange vorüber, als Clelia Oitana nach Turin kommt. Vor siebzehn Jahren war sie weggegangen. Nun, nach ihrem professionellen und sozialen Aufstieg, soll sie im Auftrag ihrer römischen Chefin die Filiale eines Modeateliers eröffnen. Also verkehrt sie in der besseren Gesellschaft, unter der künftigen Kundschaft ihres Luxusladens. Das sind jene jungen Turiner Damen, die mittels ererbten Familienvermögens frei sind von etwas: Arbeit. Deswegen stolpern sie ziellos durch ihre Leben - mit Alkohol, sexuellen Eskapaden, Ausflügen in die Berge oder an die Küste. Sie sind vergnügungssüchtig wie Mariella, zynisch wie Momina oder bestürzt vom eigenen Lebensekel wie Rosetta. Gleich zu Beginn des Romans wird Clelia Zeugin, als Rosetta einen Selbstmordversuch unternimmt.

Ganz offensichtlich hat Pavese sich in diese Clelia eingeschrieben: als Beobachterin, die ihr Leben durch Tätigsein legitimiert. Der aus den Hügeln der Langhe, südlich von Turin, stammende Pavese (1908-1950) war ein unermüdlicher Arbeiter. Wie Leone Ginzburg und Norberto Bobbio gehörte er zu den ersten Mitstreitern Giulio Einaudis, der 1933 in Turin seinen berühmten Verlag gründete. Mit Essays und Übersetzungen (Melville, Dos Passos oder Faulkner) hat er ein frisches Amerika-Bild ins faschistische Italien getragen. Ginzburg haben die Nazis umgebracht, Pavese wurde vom faschistischen Regime für etwa ein Jahr nach Kalabrien verbannt. Nach seiner Rückkehr wurde er Spiritus rector des Verlags.

Doch die Betriebsamkeit ist nur die halbe Wahrheit. Pavese ist ein wenig wie Turin: einerseits rational, klar, arbeitsam und pragmatisch. Andererseits aber flirrend unwirklich, verträumt, dem Magischen zugewandt.

Mit dem Verdacht, all sein Tun könne vergeblich sein, hat sich Pavese schon früh getragen. Immer war er auf der Suche nach Gemeinschaft. Deshalb die Flucht in die Verlagsarbeit. Deshalb auch der Eintritt in die Kommunistische Partei – der kaum als Überzeugungstat zu werten ist, sondern als Kompensation. Während seine Generationskollegen in der Resistenza gegen die Deutschen kämpften, hatte Pavese sich in Einsamkeit zurückgezogen. Auch zu Frauen hat er nie einen Zugang gefunden. Seine Angebeteten heirateten entweder andere Männer oder verschwanden. Hinzu kommen, wie er seinem Tagebuch „Das Handwerk des Lebens“ anvertraut, sexuelle Unzulänglichkeiten.

Die arbeitsame, sexuell „funktionierende“ Clelia der „Einsamen Frauen“ ist also nur eine Seite Paveses, vielleicht sein Wunschbild. Die andere heißt Rosetta. Das Mädchen, das am Ungenügen an sich selbst leidet, wird am Ende des Romans den Selbstmordversuch wiederholen. Diesmal gelingt er. Pavese gewinnt mit den „Einsamen Frauen“ den wichtigen Premio Strega und wird endgültig zu einem erfolgreichen Schriftsteller. Selten aber hat ein Stück Literatur so entsetzlich das Leben vorweggenommen. Im August 1950 begeht Pavese in Turin Selbstmord.

Zu seinem 100. Geburtstag „Die einsamen Frauen“ von 1949 zu publizieren, ist eine gute Wahl, da der Roman ins Zentrum von Paveses mal di vivere führt. Dennoch wird hier der andere Pol seiner Existenz ausgeblendet, der sich in „Der Teufel in den Hügeln“ oder „Junger Mond“ niedergeschlagen hat. Denn zum Stadt-Winter gehört auch der Land-Sommer.

Cesare Pavese: Die einsamen Frauen. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Nachwort von Maike Albath. Claassen, Berlin 2008, 209 S., 19,90 €. Im Berliner Buchhändlerkeller in der Carmerstraße 1 findet morgen eine Hommage zu Paveses 100. Geburtstag statt, Beginn 20.30 Uhr.

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