Kultur : PDS und der 17. Juni: Das Lehrstück

Robert Ide

Fritz Selbmann reckt verzweifelt seine Hände in die Luft. "Seht euch meine Hände an", ruft er der Menge zu, "ich bin selber Arbeiter." Doch die, die da vor ihm stehen, pfeifen ihn aus. Mehr als 10 000 Bauarbeiter sind von der Berliner Stalinallee zum Haus der Ministerien marschiert, um gegen erhöhte Arbeitsnormen zu protestieren. Selbmann hat deshalb sein Mittagessen stehen lassen. Nun hat der Minister für Erzbergbau einen Tisch erklommen - mit lauter Stimme verkündet er die Rücknahme der Normerhöhung. Den Demonstranten reicht das nicht. Alfred Brun, ein Arbeiter, fährt dazwischen: "Hier stehen nicht allein die Bauarbeiter von der Stalinallee, hier steht Berlin und die ganze Zone. Was du hier siehst, das ist eine Volkserhebung. Wir fordern freie Wahlen!" Selbmann gibt auf und steigt vom Tisch. Die Masse applaudiert. Brun ruft ihm hinterher: "Morgen kommen wir wieder." Morgen, das sollte der 17. Juni 1953 sein.

Der ostdeutsche Aufstand vor 48 Jahren kann genau rekonstruiert werden. In Archiven lässt sich nachlesen, wie in den Betrieben die Wut über die Mangelwirtschaft wuchs, warum streikende Arbeiter plötzlich politische Forderungen erhoben und wie viele sowjetische Panzer nötig waren, um Staats- und Parteichef Walter Ulbricht zu retten. Umstritten ist jedoch die historische Einordnung. Noch immer zanken sich Historiker über den Einfluss des Westens auf die Ereignisse. Das Wort vom "Volksaufstand" ist kein Konsens. Mit den Fragen nach dem Gestern verbinden sich Antworten für das Heute. Der Streit um eine Zusammenarbeit von SPD, Grünen und PDS im Berliner Abgeordnetenhaus macht deutlich, wie tief die historischen Wunden noch sind. Der Aufstand vom 17. Juni - ein Lehrstück?

Vielleicht sollte man im Kleinen beginnen, um das Ereignis zu verstehen. Etwa mit einer Meldung aus der "Schweriner Volkszeitung" vom 3. März 1953. Darin teilte das DDR-Handelsministerium mit: "Der ursprünglich herausgegebene Fettaufruf für März 1953 wird zurückgezogen. Es bestand ursprünglich die Absicht, die Fettabschnitte der Lebensmittelkarte zu beliefern. Eine nochmalige Überprüfung hat ergeben, dass infolge der Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Fettversorgung diese Absicht nicht realisiert werden kann." Im Klartext hieß das: In Schwerin gab es keine Butter. In der gesamten DDR verschärfte sich in jenen Monaten die Versorgungslage. Die knappen Ressourcen wurden für den von der SED beschlossenen "Aufbau des Sozialismus" in die Schwerindustrie gepumpt.

Mehr Arbeit bei gleichem Lohn

Um mit der Bundesrepublik mitzuhalten, beschloss der DDR-Ministerrat am 28. Mai 1953 eine Erhöhung der Arbeitsnormen um zehn Prozent. Das bedeutete mehr Arbeit bei gleichem Lohn. Ein Ost-Berliner Bauarbeiter verdiente damals 1 Mark 20 pro Stunde, ein Pfund Margarine kostete fünf Mark. Da zählte jeder Pfennig.

Vielleicht muss man auch die große Politik beschreiben, um den Aufstand zu verstehen. Im März 1953 war Stalin gestorben. Doch als Ulbricht noch den "größten Menschen unserer Epoche" pries, wehte in der Sowjetunion schon ein anderer Wind. Die neuen Kremlherren forderten Reformen, auch in der DDR. Im SED-Politbüro machten Ulbricht-Kritiker wie Rudolf Herrnstadt, Wilhelm Zaisser und Fred Oelßner Front gegen den Parteichef. Der musste die Arbeitsnormen absenken und den Kampf gegen die Kirche mildern. Die Wende kam zu spät.

Als die Gewerkschaftszeitung "Tribüne" am 16. Juni 1953 die Beibehaltung der hohen Normen fordert, läuft das Fass über. In den Betrieben wird die Arbeit niedergelegt, spontaner Protest formiert sich. Das Streikkomitee Bitterfeld fordert: Rücktritt der Regierung, freie Wahlen, Freilassung politischer Gefangener. Aufbruchstimmung. In Leipzig demonstrierten 40 000 Menschen, in Görlitz singen die Leute auf dem Marktplatz das Deutschlandlied. Ein SED-Bericht aus der Altmark vermerkt: "Das gesamte Dorf ist in der Gastwirtschaft und trinkt auf das Wohl von Adenauer."

Hoffnung in einem armen Land. Der Jubel und die Fantasie von 1989 - damals sind sie schon da. Dann kommen die Panzer. Der Militärkommandant des sowjetischen Sektors erklärt um 13 Uhr den Ausnahmezustand. Alle Menschenansammlungen werden verboten. "Diejenigen, die gegen diesen Befehl verstoßen, werden nach den Kriegsgesetzen bestraft." 51 Menschen sterben auf den Straßen. Mehrere sowjetische Soldaten, die sich verweigern, werden standrechtlich erschossen. Der Westen kommt nicht zur Hilfe. Am Abend des 18. Juni kommentiert Egon Bahr im Rundfunksender Rias: "Es war unsagbar schwer, ihnen die Hilfe verweigern zu müssen, weil sonst die ganze Größe dieses Ereignisses gefährdet worden wäre, die darin besteht, dass alles dem Willen der Menschen in Ost-Berlin entsprang."

Trauer - bis heute

Ohnmacht, Depression, enttäuschte Hoffnungen - vielleicht ist das das Erbe des 17. Juni 1953. Nach der Niederschlagung wussten die Ostdeutschen: sie sind allein. Später erfuhren das auch Ungarn und Tschechen. Nach dem Aufstand wurden Zehntausende verhaftet und verurteilt. Die Stasi wurde aufgerüstet, Ulbrichts Gegner entfernt und die Arbeitsnormen wieder erhöht. Es blieb die Trauer, bei vielen Opfern bis heute. Wie sollen wir mit diesen Gefühlen umgehen? Reichen Gedenkminuten, um sich zu versöhnen? Sollte sich die PDS gar für den 17. Juni 1953 entschuldigen?

Der Schriftsteller Stefan Heym hat ein Buch über den Aufstand geschrieben, das in der DDR verboten wurde. Es erschien 1974 unter dem Titel "Fünf Tage im Juni" im Westen. Die Protagonisten des Romans, der Arbeiter Kallmann und der Gewerkschaftsfunktionär Witte, geraten in den Strudel der Ereignisse. Am Ende sitzt Witte in seinem Büro und bilanziert: "Auch für die Arbeiterbewegung gilt, dass nur der sich der Zukunft zuwenden kann, der die Vergangenheit bewältigt hat." Im Jahre 1994 zog Stefan Heym in den Deutschen Bundestag ein - auf der Liste der PDS.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben