Kultur : "Pearl Harbor": Das 300-Millionen-Mark-Missverständnis

Hellmuth Karasek

Es gibt Namen von Schlachten, die den überdimensionierten Horror und Terror des modernen Massenvernichtungs- und Materialschlachtenkrieges wie in einem Menetekel festhalten: Stalingrand ist ein solcher Name, Verdun und Langemarck im Ersten Weltkrieg sind solche Orte, der "D-Day" in der Normandie im Juni 1944, und Pearl Harbor im Dezember 1941.

Über drei dieser historischen Daten gibt es neue Filme: über den D-Day den Steven Spielberg-Film "Saving Private Ryan", der mit dem selbstmörderischen Landgang der US-Truppen am Strandabschnitt "Utah" beginnt. Mit einem bis dato unvorstellbaren Realismus aus Blut und zerfetzenden Leichen zeigt der Film das Himmelfahrtskommando der Landung, die Hitler durch den Zweifrontenkrieg endgültig besiegen sollte: ein aberwitzig schreckliches, aber ein notwendiges, ein gerechtes Kriegsunterfangen, das Spielberg mit scharfsichtig diabolischer Logik mit der Rettung eines Einzelnen konterte - und erhellte.

Auf der Berlinale dieses Jahres brach dann Jean-Jacques Annauds "Stalingrad" unter der Unfähigkeit zusammen, diese mörderischste und dennoch gerecht kriegsentscheidende Massenschlacht filmisch zu begreifen. Annaud hatte den idiotischen Versuch unternommen, diese Schlacht des desperaten Durchhaltewillens zweier Schlächter (Stalin und Hitler) als Wildwestduell zu veranstalten: Zwei Heckenschützen entscheiden den Weltkrieg.

Jetzt also "Pearl Harbor". Am Sonntag, dem 7. Dezember 1941, um fünf Minuten vor 8 hawaiianischer Zeit stürzten sich 366 japanische Bomber und Jagdflugzeuge auf die im Hafen von Pearl Harbor vor Anker liegende amerikanische Pazifikflotte. Als die Japaner abdrehten, war die Flotte zerstört, mit dem Schlachtschiff "Arizona" sanken 1177 Matrosen in den Tod, 188 amerikanische Flugzeuge wurden am Boden zerstört, 2330 Amerikaner getötet.

Der Angriff kam völlig unerwartet und bombte das Amerika Roosevelts in den Zweiten Weltkrieg, an dem es von da an entschlossen bis zum "Unconditional Surrender" von Deutschland und Japan teilhatte. Pearl Harbor schreckte die Vereinigten Staaten aus der Illusion ihres Isolationismus. Wer Wind sät, wird Sturm ernten - Pearl Harbour führte mit grausiger Konsequenz zu Hiroshima.

Pearl Harbor ist für die USA der Beginn des letzten gerechten und gerechtfertigten Krieges - auch die Belohnung lässt sich klar ablesen: Amerika ist seitdem die Weltmacht Nummer Eins, die immer wieder den Weltpolizisten spielt. Pearl Harbor mündete in die Pax Americana, die auch Deutschland den längsten Frieden seiner Geschichte bescherte.

Grund genug also für einen patriotischen Hurra-Film. Und auch die Tatsache, dass der Disney-Film "Pearl Harbor" seine Geschichte mit individuellen Helden erzählt (wozu sich im Zweiten Weltkrieg notfalls noch Jagdflieger und U-Boot-Kapitäne eigneten, nicht mehr der zur Massenschlachtung freigegebene Soldat), ist nicht nur verkehrt: Beispielsweise gab es auf dem Marinestützpunkt Kaneoke den MG-Schützen John Finn, der schwer verwundet japanische Flugzeuge vom Himmel schoss.

Dass man aber mit dem Thema Pearl Harbor die höchsten Kosten der Filmgeschichte und das niedrigste Niveau einer Seifenoper verbinden kann, ist mehr eine Frage der Kalkulation als der Filmkunst: Mit tausend Kopien wird der Film in den deutschen Kinos einschlagen; in den USA hat er (fast) einen neuen Kassenrekord am ersten Wochenende eingespielt. Ob Kakerlaken-Rennen, Krieg der Sterne, Christenverfolgungen, Schiffskatastrophen, Mafia-Dramen: Hollywood überzieht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, alles mit der gleichen Soap- und Trash-Dramaturgie, dem gleichen Special Effect-Zirkus und der gleichen Moral, in der der Amerikaner gut und die Welt schlecht ist, bis sie die Amerikaner gut machen.

Beginnen wir mit der Moral: Präsident Roosevelt, steht, obwohl querschnittsgelähmt, nach dem Schlag von Pearl Harbor auf. Amerika ist nichts unmöglich. Man mag sagen, dass Roosevelt wirklich ein imponierend großer Präsident war und dass der von uns allen geliebte Film "Casablanca" auch nichts anderes verkündet. Aber das war damals in die Zukunft, in den Kampf gegen die Hitler-Barbaren gerichtet. Plappert man die selben Ideen in einem historischen Schinken nach, werden sie zu platten, ja verlogenen Phrasen.

Was die Trickkiste betrifft und das Zeitkolorit der Vierziger, den Jimmy-Dorsey-Sound, die Autos, Plakate, Telefone und Flugzeuge, ist der Film überzeugend - wie ein endloser nostalischer Werbefilm: ob für Cola, Maschinengewehre oder eine bessere Zahnmedizin, ist da gleichgültig. Die Materialschlacht leidet darunter, so perfekt und lärmend sie auch inszeniert wird, dass sie niemandem weh tun will. Und so wird sie immer unschärfer und ungenauer, je mehr Schiffe sie in die Luft jagt, je mehr Seeleute von imposant verschobenen Decks (siehe "Titanic") ins Wellengrab rutschen.

Bleibt die Story, die Soap: Zwei Männer, beide sind Flieger, die besten Amerikas natürlich, lieben ein Mädchen, nacheinander, nebeneinander, und das kommt so: Weil der eine, als Amerika noch in Frieden ist, in England gegen Deutschland fliegt und dabei abstürzt und als tot gilt, lässt sich seine trauernde Freundin und große Liebe von seinem besten Freund trösten und schwängern. Doch der Totgeglaubte kommt zurück, was nun? Da der scheinbar Gefallene von Ben Affleck gespielt wird, verraten wir kein Geheimnis, wenn wir erzählen, dass er die Verlorene wiedergewinnt. Dafür muss sein Freund (ein neues sympathisches Hollywood-Gesicht: Josh Hartnett) fallen. Sein Kind, wir sind sicher, wird Stiefvater Affleck lieben. Das Mädchen? Auch ein neues Gesicht, von dunklen Haaren umrahmt, Kate Beckinsale; sie sitzt am Stand von malerischem Mond und untergehender Sonne - ach Hawaii! - und schreibt Liebesbriefe. Der Rest ist Küssen und Weinen.

Bleibt der Regisseur, dem das Verdienst anzurechnen ist, dass er die Erkenntnisse und Erfahrungen sämtlicher Kriegsfilme vergessen und in den Wind geschlagen hat. Er heißt Michael Bey. Vielleicht sollte er sich wenigstens einen Pearl Harbor-Film ansehen: Er heißt "Verdammt in alle Ewigkeit", gedreht hat ihn Fred Zinnemann im Jahr 1953. Mit seiner Wahrheit über das Militär gewann er fünf Oscars. Und das mitten im Kalten Krieg. Hollywood war nicht immer so konform mit Nichts und Allem wie heute.

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