"Peer Gynt" als Demenz-Stück : Der Kern des Gyntschen Ich

Du sollst du selbst sein! Der Titelheld Herbert der "Peer Gynt"-Performance in den Sophiensälen ist dement. Eine Suche nach der Kraft der Erzählung und dem Wesen der Erinnerung.

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"Peer Gynt" in den Sophiensälen.
"Peer Gynt" in den Sophiensälen.Foto: Paula Reissig/Sophiensäle

Herbert hat fünf oder neun oder elf Kinder. Aber die leben im Osten, durch eine Mauer von ihm getrennt. Herbert ist Abfangjäger, Deutschlands bester Polizist und arbeitet in einer Bäckerei, wie seine Frau. Oder war das sein Mann? Herbert ist dement. Und er ist „Peer Gynt“, im dritten Teil der Ibsen-Saga des Performance-Kollektivs Markus&Markus. Für „John Gabriel Borkman“ haben sich die Künstler aus der Hildesheimer Schule einen gefallenen Bankrotteur als Titelhelden gesucht. In „Gespenster“ begleiteten sie eine lebensüberdrüssige Dame mit der Kamera zum Sterben in die Schweiz. Und nun also Herbert, der wie Ibsens Peer ein großer Aufschneider und Fantasie-Reisender ist und in einem Reich lebt, in dem Lüge und Wahrheit nicht mehr bewusstseinsscharf zu trennen sind. Das Prinzip mag simpel erscheinen, ist aber sehr wirkungsvoll: wo der Dramatiker sich von realen Personen und Ereignissen zu Theaterstücken inspirieren ließ, suchen sich Markus&Markus Menschen, die Ibsens Literatur mit ihrer eigenen Biografie beglaubigen.

„Ibsen? Ibsen? Wat macht’n Ibsen so?“, fragt der verwirrte Protagonist im Videoeinspieler auf der Bühne der Sophiensäle. „Du sollst du selbst sein“, lautet die deutungsoffene Regieanweisung der Performer und Gruppengründer Markus Schäfer und Markus Wenzel im Pflegeheim, wo Herbert lebt, wenn er nicht gerade auf Kopftour durch entrückte Welten ist. „Ich selbst bin ich eigentlich immer“, gibt der Mann ziemlich schlagfertig zurück.

Fragen nach Identität, Wahrheit und Bewusstsein

Dass an ihrem Ibsen-Unterfangen auch eine Reihe moralischer Zwiespalte hängen, dass Missbrauch gewittert wird, wissen die Macher natürlich. Schließlich versteht ihr Protagonist phasenweise im wahrsten Sinne des Wortes nicht, was da eigentlich gespielt wird. „In meinem Haus gibt es jetzt Theater?“, wundert er sich einmal, „was soll denn hier erreicht werden?“ Gute Frage an die Kunst. Tatsächlich aber wirft diese „Peer Gynt“-Performance eine Reihe bedenkenswerter Fragen auf. Nach Identität, Wahrheit und Bewusstsein. Nach dem Wesen der Erinnerung und der Kraft der Erzählung. Man sieht Markus&Markus beim Häuten der Zwiebel zu. Beim Versuch, zum Kern des Gyntschen Ich vorzudringen, das eben ein flüchtiges und fließendes bleibt. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass der Demenzkranke hier vorgeführt würde, selbst nicht in den skurrilsten Momenten, in denen er beispielsweise mit gekröntem Haupt an der Seite der Künstler durch den Wald stapft. Oder Care-Pakete für seine vermeintlich im Osten kasernierten Kinder packt. Wie heißt es hier einmal so treffend: „Solange er ein Publikum für seine Geschichten hat, ist Herbert er selbst“.

- wieder heute, 5.9., um 20 Uhr in den Sophiensälen

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