Kultur : Peking hängt voller Geigen

Geschichte von Vater und Sohn: „Xiaos Weg“, ein chinesisches Melodram von Chen Kaige

Jan Schulz-Ojala

Eine Geschichte über die wunderbare Kraft der Musik, die erst klingt, wenn sie von Herzen kommt. Eine Geschichte über die erste Verliebtheit, die ein großes Kind zum jungen Mann macht. Eine Geschichte über die Liebe zwischen Vater und Sohn – und eine über Lehrer, Ersatzväter, Ziehväter, Herzensväter. Ja, und natürlich eine Geschichte darüber, dass wir nie fertig sind mit der Liebe. Suchen Sie sich aus, worüber Sie weinen wollen.

Was, Sie weinen nicht im Kino? Und erst recht nicht, wenn Filmemacher, diese tückischsten aller Menschenfischer, ausgerechnet Sie mit sämtlichen Tricks zum Weinen bringen wollen? Dann weinen Sie in „Xiaos Weg“ doch einfach mal unter Ihrem Niveau. Wie der viel zitierte Kafka: „Ins Kino gegangen. Geweint.“ Der hat sich nicht geschämt und das Ganze sogar noch aufgeschrieben.

Sie sehen schon, mich hat der Film hingerissen. Es war vielleicht die Anfälligkeit für Musik, für die erste Liebe, für Vater-Sohn-Geschichten – vor allem für welche, die keine ganz echten Vater-Sohn-Geschichten sind. Meinem kritischen Urteil über „Xiaos Weg“ ist also nur beschränkt zu trauen. Ganz recht, ich bin voll auf den „tearjerker“ reingefallen – so nennen das die Amerikaner, die von dem Genre einiges verstehen.

„Xiaos Weg“ aber ist ein chinesischer Film, damit fängt es an. Sein Regisseur Chen Kaige hat zwar zuletzt mit „Killing me Softly“ Erfahrungen mit Amerika gemacht, gelinde gesagt einigermaßen zwiespältige, aber wir kennen ihn als großen Filmemacher der so genannten fünften Generation Chinas und Regisseur des gewaltigen Epos „Lebewohl meine Konkubine“. In „Xiaos Weg“ nun mag er sich durchaus etwas abgeschaut haben von den Amerikanern, indem er auf eine einfache Story und ein einerseits überwältigendes, andererseits allzu rundes Ende setzt. Und ist doch wieder ganz in China angekommen.

Also gut, die Geschichte. Xiao (Tang Yun) ist dreizehn und spielt wunderbar Geige. Sein Vater (Liu Peiqi), ein Koch aus der Provinz fördert nach Kräften seinen Jungen, der jeden Wettbewerb spielend gewinnt, steckt eines Tages alles Ersparte in seine Mütze und reist mit dem kleinen Genie nach Peking. Das Geld geht dem guten Mann zwar bald verloren, dafür gelingt es ihm gegen alle Widerstände, Xiao zunächst bei dem einsamen, aus Liebeskummer etwas aus der Lebensbahn geratenen Meisterlehrer Jiang (Wang Zhiwen) unterzubringen. Als der begabte Junge dort offenbar keine Fortschritte mehr macht, setzt der Vater ebenso gutherzig wie penetrant den Wechsel zu einem Star-Lehrer durch. Der großen Karriere stünde nichts im Wege, wenn da nicht ein paar Geheimnisse wären und der frisch verliebte Junge nicht seine Geige versetzt hätte, um der leichtlebigen Nachbarin Lili (Chen Hong) einen Schwanenmantel zu kaufen – so schön, dass selbst Marlene Dietrich das Geschenk nicht ausgeschlagen hätte ...

Aber ja, diese Story kann man nur mit den berüchtigten drei Punkten ausklingen lassen, und erzählen lässt sie sich auch nur furchtbar tränendrüsenreizverdächtig. Ansehen dagegen lässt sie sich äußerst leicht. Und packend. Und zügig. Und umwerfend genau, vom ersten Bild an. Und genussreich, denn jede Kadrage, jede Einstellung stimmt (der zeitweise puderzuckrige Umgang mit Gegenlicht sei verziehen). Chen Kaige – er selbst spielt den kühlen Professor Yu und seine Frau die lose Lili – ist sich der Sache sogar so sicher, dass er auf richtig böse Menschen im Film verzichten kann. Denn auch das vom mäßig freundlichen Professor Yu repräsentierte karriereorientierte neue China ist bei genauem Hinsehen nur aus dem zähen, asketischen China hervorgegangen, wofür Kaige die Figur des grundgütigen Vaters vom Lande geschaffen hat. Immerhin, mit ein bisschen festem Willen mag man Kaige politische Verharmlosung vorwerfen, damit einem bloß keine Träne ins Auge schießt.

Mein Vorschlag: Trotzdem reingehen! Man muss die Musik nicht mögen, nicht die Liebesgeschichte, das Gutmenschentum und Vater-Sohn-Geschichten erst recht nicht – aber kann sein, dass einen dann etwas anderes umreißt, und schon ist man des höchst ungewöhnlichen Familienglücks sowie der Musik und Liebe leichte Beute. Sollten Sie dennoch kühl bleiben bis ans Herz hinan, dann sei Ihnen hiermit das Eiserne Drehkreuz verliehen, die höchste Auszeichnung des Geheimbunds sentimentaler Filmkritiker. Und gehen Sie Ihrer Wege.

In Berlin im Cinema Paris, Filmtheater am Friedrichshain, OmU im Neuen Off

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