Kultur : Peking-Oper aus dem Laptop

AVANTGARDE

Volker Lüke

Gene Colemann aus Chicago hat beim neu initiierten Transonic-Festival im Berliner Haus der Kulturen der Welt ein offenes und mutiges Programm zusammengestellt, das dem Phänomen der neuen und experimentellen Musik in nichtwestlichen Kulturen nachforschen will. Nach Auftritten der Sängerin Liu Sola und Aufführungen von Werken von John Cage, Joi Kondo, Isang Yun und Yuji Takahashi sowie einer abenteuerlichen Konferenz zum Thema „Neue Musik und Globalisierung“ gibt es dabei auch ein Wiedersehen mit dem Elektro-Avantgarde-Komponisten Carl Stone aus Los Angeles. Für sein Auftragswerk „Lauburu“ hat er sich mit der chinesischen Pipa-Spielerin Min Xiao-Fen zusammengetan, Dritte im Bunde ist die Shamisen-Spielerin Yumiko Tanaka aus Tokio. Beide sind exzellente Virtuosen ohne Scheu vor Abenteuern und damit bestens geeignet für diesen von Stone als „Geister-Karaoke“ betitelten Spielprozess, bei dem die Musikerinnen mit ihren traditionellen Saiteninstrumenten weniger auf das Spiel ihrer Partner reagieren, als auf eine CD mit Musikeinspielungen, die vom Publikum nicht gehört werden kann und über Kopfhörer als „unsichtbare“ Anregung dient.

Während Stone wiederum die musikalischen Gesten der Musikerinnen erfasst und als ein Vexierspiel sinnlich fließender Töne aus dem Laptop klickt. Der Abend pendelt zwischen Peking-Oper, Gagaku-Musik und Elektro-Lounge, wobei die Gleichberechtigung von Tradition und Experiment sich immer wieder in magischen Momenten verdichtet, die ohne jedes East-meets-West-Klischee auskommen (weitere Aufführungen am 29. und 30.1., Werke von Gene Coleman und Otomo Yoshihide).

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