Kultur : Per Einbaum in die Mitte

Christina Tilmann

Wer je in diesen Tagen in den Dahlemer Museen war, wundert sich. Winter, Kälte, Schnee: eigentlich ideales Museumswetter. In die außereuropäischen Sammungen hat sich trotzdem gerade einmal eine Handvoll Besucher verirrt. Die Museumswärter langweilen sich und begrüßen jeden Besucher fast erleichtert. Einige Kinder klettern auf den Segelboot-Modellen aus der Südsee oder im Männerklubhaus von den Palau-Inseln. Im Bereich des kostbaren Goldschatzes aus Peru ist man allein. Objekte von Weltrang, und fast keiner will sie sehen.

Die Museen für Völkerkunde, Ostasiatische und Indische Kunst sowie für Europäische Kulturen aus der selbstgewählten Isolation zu befreien und wieder in das Zentrum des Interesses zu rücken: Das ist Klaus-Dieter Lehmanns Motiv. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz plädiert für eine Verlegung der Sammlungen auf den Schlossplatz. Die Schlossplatz-Kommission ließ sich überzeugen und votierte für ein Nutzungskonzept, das die außereuropäischen Sammlungen der Berliner Museen, die wissenschaftlichen Schätze der Humboldt-Universität und die Zentrale Landesbibliothek im Stadtschloss vereint. Gemeinsam mit dem Ibero-Amerikanischen Institut, dem Haus der Kulturen der Welt und dem Helmholtz-Zentrum für Wissenschaftsgeschichte sollen sie auf dem Schlossplatz ein Kompetenzzentrum für Kultur im 21. Jahrhundert bilden.

Lehmanns Sorge ist verständlich: Wahr ist, dass die Dahlemer Museen in den letzten Jahren an Anziehungskraft und Besuchern verloren haben. Seit die Gemäldegalerie ans Kulturforum, das Islamische Museum auf die Museumsinsel und die Skulpturensammlung bis zur Wiedereröffnung des Bodemuseums ins Depot gewandert ist, sei der Standort nur noch ein "Torso in abgelegener Villenvorortlage", kritisiert der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Klaus-Peter Schuster. Zwar wurden einzelne Bereiche, die Museen für Indische und für Ostasiatische Kunst, im Oktober 2000 nach umfassender Renovierung glanzvoll wiedereröffnet. Das öffentliche Interesse aber hat sich eindeutig auf die Sanierung der Museumsinsel sowie das Geschehen im Zentrum der Stadt verlagert.

Hinzu kommt, dass der Komplex in Dahlem insgesamt dringend renovierungsbedürftig ist. Von kaffeebraunen Wandpaneelen bis zu abgetretenen Fußböden und einer fauchenden Klimaanlage spürt man an vielen Stellen noch den Geist der siebziger Jahre. Die Sammlungsteile, die in die bis vor kurzem von Gemäldegalerie und Skulpturensammlungen genutzen Räume eingezogenen sind, befinden sich bestensfalls im Stand eines Provisoriums. Beschriftung und Präsentationsform sind uneinheitlich und ärmlich. Und ganze Fluchten und Flügel stehen leer. Mittelfristig würden hier 150 bis 200 Millionen Euro fällig, rechnet Lehmann. Warum also dieses Geld nicht besser in einen Neubau auf dem Schlossplatz stecken und damit die außereuropäischen Sammlungen zurück ins Zentrum rücken?

Natürlich würde eine Präsentation der ethnologischen Sammlungen auf Berlins zentralem Platz eine Aufwertung der außereuropäischen Kulturen und ihrer Kunst bedeuten - und den Dialog mit der europäischen Kultur, wie sie die Museumsinsel präsentiert, erleichtern. Lehmann und Schuster argumentieren hier auf einer Linie mit Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, der sich vehement für einen internationalen Kulturaustausch einsetzt. Die auf den 11. September folgenden Ereignisse verstärken die Aktualität eines solchen Dialogs. Adrienne Goehler, in ihrer Eigenschaft als Berliner Kurzzeit-Kultursenatorin für einige Monate Mitglied der "Schlossplatz"-Kommission, hatte zugespitzt gefordert, für die Verlegung der außereuropäischen Sammlungen nach Berlin-Mitte Geld aus dem Sicherheitstopf des Bundes zur Verfügung zu stellen - als Präventivmaßnahme gegen weitere Anschläge.

Auch der aus Nigeria stammende Documenta-Kurator Okwui Enwezor plädiert bei der diesjährigen Kunstschau in Kassel für eine gleichberechtigte Berücksichtigung aller Kulturen, die gleichzeitig den postkolonialen Blick des Westens reflektiert. Ob allerdings die Hülle des nicht zuletzt auch mit Preußens Expansionsstreben verknüpften Stadtschlosses hierfür das richtige Signal wäre, darf bezweifelt werden. Der Einwand, Einbäume aus Papua-Neuguinea passten nicht zu den Barockfassaden, ließe sich auch umdrehen. Nicht die ethnologischen Sammlungen wären dann der falsche Inhalt für den richtigen Bau, die Schlossrekonstruktion könnte vielmehr die falsche Hülle für den richtigen Inhalt sein.

Abgesehen von dem ungünstigen Standort verfügt Dahlem nämlich über eine geradezu vorbildliche und seinem Gegenstand angemessene Museumsarchitektur. Fritz Bornemann und Wils Ebert haben 1970/71 ein loses Gefüge wunderbar luftiger, großzügiger Räume geschaffen. Nimmt man die inzwischen frei gewordenen Flächen in Bruno Pauls benachbartem Altbau von 1915 hinzu, ist Platz genug für eine großzügige Präsentation der außereuropäischen Sammlungen. Mehr noch: Hier gibt es neutrale, von keiner historischen Erbschaft vorbelastete Räume und einen Grundriss, der die Balance zwischen abgeschlossenen Sammlungsteilen und thematischen Verknüpfungen spielend zulassen würde.

Auch historisch spricht einiges für Dahlem: Immerhin hatte sich Wilhelm von Bode schon 1906 angesichts überquellender Räume im ersten Völkerkundemuseum an der Königgrätzer Straße (heute Stresemannstraße) in Tiergarten für den Standort Dahlem entschieden. Dort, im rasch wachsenden Berliner Westen, gab es große Grundstücksflächen zu günstigen Konditionen - und dort war mit den Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft auch ein neuer universitärer Campus im Entstehen begriffen, der die Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Instituten ermöglichte. Berlins ehemaliger Kultursenator Christoph Stölzl hat eine dezentrale Museumsstruktur immer verteidigt und vor einer Konzentration in Mitte gewarnt. Sie würde eine Verarmung der Außenbezirke bedeuten - ähnlich, wie sie Charlottenburg nach Wegzug der Galerie der Romantik und demnächst auch des Ägyptischen Museums droht.

Befürworter der Umsiedlung argumentieren anders. Horst Bredekamp, spiritus rector der Humboldt-Sammlungen, verweist mit Vorliebe auf die historische Kunstkammer im Berliner Stadtschloss als Kern jedweder Museologie. Die von Kurprinz Friedrich Wilhelm, dem späteren "Großen Kurfürsten", begründete Kuriositätenkammer zeigte ost- und südostasiatische Raritäten wie auch wissenschaftliche Objekte und Kunstwerke. Kunst, Völkerkunde und Wissenschaft waren hier vereint. Im Verlauf der Jahrzehnte in Vergessenheit geraten, wurde die originale Kunstkammer in der Nordostecke des Schlosses 1929 durch Zufall samt ihrer Ausstattung wiederentdeckt und 1930 in der Ausstellung "Altes Berlin" in den Messehallen am Funkturm präsentiert. Ihre Rekonstruktion würde an die Ursprungsform des Museums anknüpfen und gleichzeitig als Programm in die Zukunft weisen.

Die reichen Wissenschaftssammlungen der Humboldt-Universität, vor einem Jahr im Gropius-Bau bei der Ausstellung "Theatrum naturae et artis. Wunderkammern des Wissens" erfolgreich der Öffentlichkeit präsentiert, bilden die Klammer zwischen Museum und Universität. Die über die ganze Stadt verstreuten mehr als 100 Einzelsammlungen sind bislang kaum öffentlich zugänglich und konservatorisch zum Teil in desaströsem Zustand. Eine ständige Ausstellung - eine erweiterte Form der "Wunderkammern"-Präsentation - könnte auf die Sammlungen verweisen, während in jährlich wechselnden Sonderausstellungen einzelne Fragen thematisiert werden: "Standbein / Spielbein" nennt Bredekamp sein System. Dabei sollen, wie es auch Lehmann für sein "gläsernes Museum" plant, Leseräume, Sammlungsbereiche und Depots gegenseitig einsehbar sein.

Die Dritte im Bunde, Claudia Lux, Leiterin der "Zentralen Landesbibliothek", ist pragmatischer. Ihr geht es vor allem darum, ihre mit Amerika-Gedenkbibliothek und Marstall bislang auf zwei Standorte äußerst ungünstig verteilten Bestände von mehr als einer Million Medien an einem Ort zu vereinen. Die ZLB, größte Stadtbibliothek Deutschlands, ist gleich in mehrerer Hinsicht Stiefkind der Geschichte: Seit ihrer Gründung vor hundert Jahren irrt sie auf der Suche nach einem angemessenen Ort durch die Stadt. Schon sieben oder acht Mal gab es mehr oder weniger weit gediehene Planungen, die letzten zum Ausbau der Amerika-Gedenkbibliothek wurden 1992 in Folge der Wiedervereinigung gestoppt.

Doch die von Lux erträumte große Lösung wurde von der Kommission schon wieder abgespeckt: 50 000 Quadratmeter benötige sie für alle Magazine, Freihand- und Lesebereiche, hatte die Direktorin errechnet. 26 000 Quadratmeter wurden ihr schließlich zugestanden, mit der Auflage, den gesamten Publikumsverkehr auf den Schlossplatz zu verlegen. So sollen täglich bis zu 10 000 Besucher ins Haus kommen. Depots und Sondersammlungen verbleiben an der Breiten Straße und sollen unterirdisch mit dem Schloss verbunden werden. Kein Wunder, dass Lux die geforderte Vernetzung zwischen Museen und Bibliothek nur am Rande interessiert. Einige in Spritus eingelegte Embryos als Ausstellungsstücke im Bereich der Medizin-Literatur, chinesische SKulpturen dort, wo chinesische Sprachmaterialien auszuleihen sind, waren ihre Vorschläge für mögliche Synergieeffekte.

Was die Kommission an dem vorgeschlagenen Nutzungskonzept überzeugte, war die Vorstellung, mit der Vereinigung von Forschungseinrichtungen, Sammlungen, einem Kulturkolleg und einem Medienzentrum einen Dialog der Kulturen der Welt zu begründen: eine "interkulturelle Werkstatt", wie es Lehmann nennt. Der Dialog in der Stadt, das zeigen die Reaktionen auf die Vorschläge der Kommission, muss erst noch geführt werden.

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