Kultur : Per Filzschuh durch die Wüste

Eine Ausstellung im Berliner Gropius-Bau erforscht die „Ursprünge der Seidenstraße“

Jens Hinrichsen

Tod eines Handlungsreisenden: So könnte der Titel dieser Grabinszenierung lauten. Vielleicht war die lebensgroße Holzpuppe mit Gipsmaskengesicht die Grabbeigabe für einen gutbetuchten iranischen Fernhändler. Dass der Verstorbene von weit her kam, vermuten Wissenschaftler anhand der gemalten Gesichtszüge, des Goldschmucks und des ornamentreichen Seidengewands.

Fest steht: dieser auf das zweite nachchristliche Jahrhundert datierte Fund gewährt einen Blick in die „Ursprünge der Seidenstraße“. Noch viel weiter, nämlich bis zu 4000 Jahre zurück geht die archäologische Zeitreise, die nun eine Ausstellung im Gropius-Bau unternimmt. Dank neuer Funde sind faszinierende Einblicke in Kulturen möglich, die für mannigfaltige ästhetische Einflüsse, teils aus dem mitteleuropäischen Raum, offen waren. Eine Keimzelle des legendären, mit „Seidenstraße“ sehr verkürzt umschriebenen Handelsroutengeflechts findet sich in der Region Xinjiang, die heute im äußersten Westen Chinas liegt. Einst machten die Karawanen einen großen Bogen um die Taklamakan-Wüste; hier gabelte sich der Weg in einen nördlichen und südlichen Abschnitt, der entlang der Gebirgsrandoasen des Tarimbeckens führte. Dank extremer Trockenheit haben sich besonders Textilien im Wüstensand verblüffend gut erhalten. Bronzezeitliche Filzschuhe und Filzhüte, bunte Wolltücher und kaum beschädigte Korbgeflechte stechen mit ihrem Seltenheitswert sogar die 2000 Jahre jüngeren, mit Tiermotiven verzierten Goldschmiedearbeiten der Han-Dynastie aus.

Je unmittelbarer die Exponate wirken, umso lücken- und rätselhafter muss das Ausstellungspuzzle daherkommen, das Funde unterschiedlichster historischer Phasen und ethnischer Zusammenhänge versammelt. Der Besucher wird Zeuge eines „Work in Progress“, das nur den Anfang einer vielversprechenden Zusammenarbeit chinesischer Institute mit den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim markiert. Dort wird die Ausstellung nach der Berliner Premiere Station machen.

Im Gropius-Bau ist die Präsentation trotz sensationeller Einzelstücke eher konventionell geraten, gerade, wenn man sie mit der jüngst zu Ende gegangenen Skythenschau vergleicht. Die Zusammenarbeit zwischen Berlin und Mannheim ist derzeit ohnehin etwas belastet. Dietrich Wildung, Direktor des Ägyptischen Museums Berlin, hatte zuletzt harsche Kritik an der „Mumien-Pornographie“ der derzeit in Mannheim gezeigten Ausstellung „Mumien. Der Traum vom ewigen Leben“ geäußert.

Auf natürliche Weise mumifizierte Körper werden aus den hygroskopischen Böden der Taklamakanwüste ebenfalls geborgen, aber nur eine in Berlin ausgestellt: ein in rot-blauer Wolle verschnürter Säugling, der etwa 800 v.Chr. begraben wurde. Warum die Nasenlöcher mit Wollknäueln verschlossen sind, ist unbekannt.

Vordringlichstes Problem am Ausgrabungsort seien die Plünderungen, betont Christoph Lind, der die Ausstellung mit seiner chinesischen Fachkollegin Jing Haiyan kuratiert hat. „Grabräuber sind nur auf Gold aus, zerstören aber auch alles andere, vernichten archäologische Kontexte“, klagt der Wissenschaftler. Damit hatte schon Folke Bergmann zu kämpfen, der in den Dreißigerjahren die Nekropole von Xiaohe entdeckte. „Kleiner Fluss“ lautet der übersetzte Ortsname, der anklingen lässt, dass sich hier eine heute verschwundene Fluss- und Seenlandschaft erstreckte. Neuere Ausgrabungen förderten ein bronzezeitliches Gräberfeld zutage, das zu den Höhepunkten der „Seidenstraßen“-Schau zählt: Wie Boote sind die Särge geformt, neben hochragenden Holzpfosten säumen riesige Paddelskulpturen die Gräber. Der Tod als mythische Flussfahrt: Wie die alten Ägypter glaubten offenbar auch die Bewohner Xiaohes daran. Ihr „Nildelta“ ist freilich längst von Wüstensand begraben.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, bis 14. Januar, Mi-Mo 10-20 Uhr, Katalog 24,90 Euro

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