Per Olov Enquist zum 80. Geburtstag : Doch Verkünder geworden

Den Glauben hat er wegstudiert und weggeschrieben, von der Liebe aber kann er nicht lassen: Zum 80. Geburtstag des großen schwedischen Schriftstellers Per Olov Enquist.

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Per Olov Enquist
Per Olov EnquistFoto: dpa-bildfunk

Als Per Olov Enquist gerade sechs Monate alt ist, weiß seine tiefgläubige, der Pfingstbewegung angehörende und früh verwitwete Mutter sehr genau, wie die berufliche Zukunft ihres Sohnes auszusehen hat: „Verkünder“ soll er werden, gleichfalls ein tiefgläubiger Christ und Pastor zudem. Doch schon der kleine Per Olov, der in einem Dorf im nordschwedischen Västerbotten vaterlos und ohne Geschwister aufwächst, wehrt sich gegen diesen Auftrag. Nie vermag er es, „die Wärme in der Gemeinschaft des Glaubens“ zu spüren. Erst ist es der Sport, später ein Studium der Literaturwissenschaften, die ihn in die Lage versetzen, „den Glauben wegzustudieren“, wie es Enquist in seiner Autobiografie „Ein anderes Leben“ formuliert hat.

Eine Art Verkünder wird er dennoch, ein Schriftsteller, der die Botschaften von Außenseitern, Weirdos und Randfiguren in die Welt trägt, von Magnetiseuren und Musikanten, Kommunistenführern und sozialistischen Agitatoren, gestürzten Engeln oder einer Blanche Wittman, der bein- und armamputierten Assistentin der Physikerin und Radioaktivitätsentdeckerin Marie Curie. Auch jene baltischen, mit der Waffen-SS kooperierenden Soldaten, die von Schweden nach dem Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion ausgeliefert wurden, kann man zu Enquists Außenseitern zählen. Über sie schrieb er 1969 einen dokumentarischen Roman, der ihn nach seinem 1964 veröffentlichten, mit Literaturpreisen überhäuften Roman „Der fünfte Winter des Magnetiseurs“ endgültig zu einem zeitgenössischen Literaturstar werden ließ; einem nicht zuletzt umstrittenen Autor, der je nach Blickwinkel als „Schöpfer eines dokumentarischen Meisterwerks“ oder als „Schwein“ galt.

Seine Herkunft lässt Per Olov Enquist bis heute nicht los

So sehr er sich aber in den sechziger und siebziger Jahren einem literarischen Sozialrealismus verpflichtet fühlt, dem Kampf für gesellschaftliche und politische Aufklärung, so wenig lässt Enquist seine Herkunft los: die pietistisch geprägte Kindheit, seine körperlichen und seelischen Ängste, die religiöse Erziehung, die Einsamkeit in einem kleinen Dorf, der er dadurch zu entkommen suchte, indem er sich immer wieder Geschichten erzählen ließ, von Verwandten und anderen Dorfbewohnern. In Romanen wie „Auszug der Musikanten“ oder „Kapitän Nemos Bibliothek“ hat er darüber Auskunft gegeben, fiktional verhüllt zwar, aber doch gut erkennbar. Viele Motive dieser Bücher tauchen auch in „Ein anderes Leben“ auf, zumal Per Olov Enquist hier den dokufiktionalen Spieß einmal umdreht: Er nennt diese Autobiografie „Roman“ und erzählt sie in der dritten Person. Denn „ein anderer“ sei er eben gewesen, als er in den achtziger Jahren dem Alkohol verfallen war.

So kommt es, dass dieses Buch bisweilen den Charakter einer Beichte, einer intimen Selbstbefragung hat – und sein neues Leben nach der Überwindung des Alkoholismus, seine großen Erfolge wie „Der Besuch des Leibarztes“ oder „Das Buch von Blanche und Marie“ darin überhaupt keine Rolle spielen. Auch mit seinem jüngsten Werk, dem „Buch der Gleichnisse“ hat Enquist, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, sich tief in die eigene Vergangenheit begeben, um noch einmal, wie etwa in „Der gestürzte Engel“ oder dem „Buch von Blanche und Marie“, das Geheimnis der Liebe zu lüften. Er könne keine Liebesromane schreiben, lässt Enquist sein Alter Ego sagen – eine Liebeserklärung an die Liebe ist dieses Buch aber allemal.

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