Kultur : Per Zufall zum Top-Terroristen

Nahost-Diskussion im Berliner HAU

Aureliana Sorrento

Theater sind keine geeigneten Orte, um Nachrichten zu verbreiten. Eher schon können sie als Schauplätze der Gegenaufklärung über Wahrheit und Lüge der Meldungen dienen, mit denen uns die Medien tagtäglich füttern. So ging es auch in der Veranstaltungsreihe „Middle East News“, die Catherine David am vergangenen Wochenende im Berliner HAU servierte, keineswegs um News, sondern um deren Hinterfragung.

„Niemand kann sich anmaßen, über eine so komplexe Situation wie jene im Nahen Osten objektiv zu berichten“, stellte die Kuratorin einleitend fest. Sie wolle deshalb auf die Subjektivität und „Ich-Bezogenheit“ von Künstlern und Autoren setzen, die entweder aus dem Nahen Osten stammen oder sich eingehend mit der Geschichte und Kultur dieses mythenumwobenen Raums befasst haben. Tatsächlich hatten die Vortragsredner weniger Neuigkeiten zu berichten, als es ihnen um die Dekonstruktion von Bildern, Allgemeinplätzen und Mythen zu tun war, die das Mediensystem hervorgebracht hat.

Seit Samuel Huntingtons Buch „Clash of Civilizations“ hat sich beispielsweise der Mythos eines kulturell einheitlichen, muslimisch geprägten Nahen Ostens etabliert, verbunden mit der Vorstellung, diese von der westlichen so verschiedene Kultur müsse unvermeidlich mit der unseren kollidieren. Den Anhängern dieser These nimmt aber Fred Halliday, der 2005 ein Buch über „100 Myths about the Middle East“ veröffentlicht hat, sogleich den Wind aus den Segeln, indem er die vorrangige Rolle der Kultur in Angelegenheiten der Politik in Frage stellt. Nicht die Kultur, sagt er, beeinflusse die internationalen Beziehungen. Vielmehr sei die internationale politische Lage der Faktor, der die jeweilige Definition und Redefinition nationaler Kultur bedinge.

Auch übersieht der Westen Halliday zufolge meistens, dass die Länder des Raums, den wir als Nahen Osten bezeichnen, selbst ihre eigenen Nationalkulturen durch unterschiedliche historische Erfahrungen definieren, welche keineswegs ausschließlich auf den Islam zurückzuführen sind. Im Jemen etwa spielt die präislamische Geschichte eine entscheidendere Rolle für das Selbstverständnis der Bevölkerung als die Religion.

Mit einem anderen Mythos räumt dann Loretta Napoleoni auf: dem von al Sarkawi als Top-Terroristen von Al Qaida. Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Journalistin, die gewöhnlich über die Finanzierungsquellen des Terrorismus forscht, hatte über das Leben des jetzt als Anführer des irakischen Aufstandes geltenden al Sarkawi zu recherchieren begonnen. Dabei fand sie heraus, dass Abu Mussab al Sarkawi, ein Arbeiterjunge aus der jordanischen Stadt Zarqa, der im Gefängnis mit extremistischen Salafisten in Kontakt kam, noch 1990 den Vorschlag Osama Bin Ladens abgelehnt hatte, sich Al Qaida anzuschließen. Ihn interessierte damals nur der Kampf gegen die jordanische Herrschaft; Al Qaidas Krieg gegen die USA und die westlichen Werte hielt er für abwegig. Erst Colin Powells Rede an die Vereinten Nationen am 5. Februar 2003, in der Al Sarkawi als Verbindungsmann zwischen Osama Bin Laden und dem Irak figurierte, machte den damals völlig unbedeutenden Kämpfer zum meistgesuchten Dschihadisten des Nahen Ostens. Al Sarkawi, so Napoleonis Fazit, hat die ihm zugeschriebene Rolle bloß zu nutzen gewusst.

Über persönliche Erfahrungen in seinem Ursprungsland Iran berichtete hingegen der Schriftsteller Navid Kermani. Er erzählte von der Kluft, die gegenwärtig zwischen einer vollends entideologisierten, durch die Zerschlagung der reformatorischen Kräfte desillusionierten Bevölkerung und ihrer fanatischen, ultraorthodoxen Führungsspitze klafft, welche sich nur durch Gott und nicht durch Konsens legitimiert. Auf kurz oder lang, so Kermani, werde die ideologieferne Passivität der Massen auch in Iran zum Zusammenbruch des Regimes führen. Ähnliches geschah schließlich auch mit den auf Ideologien gestützten Regimes des 20. Jahrhunderts. Eine Auffassung, die man vielleicht berücksichtigen sollte, wenn sich der aktuelle Konflikt mit den iranischen Herrschern zuspitzt.

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