Kultur : Pereira erklärt zuviel

FREDERIK HANSSEN

Die Zukunft der Oper liegt in einer Rückkehr zum guten alten Ensemble- und Repertoirebetrieb des 19.Jahrhunderts, erklärt Pereira.Denn nur hier fänden junge Sänger die nötigen Entwicklungsmöglichkeiten."Es ist Unsinn zu behaupten, daß nur mit zusammengekauften Durchreisestars für jede Produktion Erstklassiges geleistet werden kann." Der Pereira, der solcherlei erklärt, ist keine litererische Kunstfigur - dieser Pereira heißt Alexander, ist Intendant des Opernhauses Zürich, ein höchst erfolgreicher Theatermanager, der neben dem Chef der Salzburger Festspiele, Gerard Mortier, als heißester Kandidat für die Nachfolge von Götz Friedrich an der Deutschen Oper Berlin gehandelt wird.

Wenn Pereira etwas erklärt, wie gestern auf der "Hauptstadt Kulturkonferenz" im neuen Berliner Domizil der Konrad-Adenauer-Stiftung an der Tiergartenstraße, dann hängen die Zuhörer an seinen Lippen.Pereira ist ein brillanter Redner von bezwingendem Charisma - wer ihn erlebt, kann sich leicht vorstellen, daß er den Sponsoring-Anteil seines Haushaltes von 0,7 auf 7 Millionen Schweizer Franken hochkatapultierte.Manchmal verliert er vor lauter Begeisterung für die Wunder der Oper den Faden und muß sich vom Publikum sagen lassen, daß er ja noch über die Wichtigkeit der Solidargemeinschaft zwischen Wirtschaft und Kultur sprechen wollte.Dann beklagt er das Verschwinden des Verantwortungsbewußtseins der Bürger für ihre Theater, das der Staat selber in den letzten Jahrzehnten kaputtgemacht habe, weil er sich selber mit Prestigekultur schmücken wollte.Also hat Pereira die Züricher Oper in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.So kann jeder, dem die Kunst am Herzen liegt, dies ganz konkret per Aktienkauf demonstrieren.Die Dividende ist das Dabeisein.

In Anwesenheit des Berliner Kultursenators Peter Radunski, der die kulturpolitische Tagung mit ganztägiger Präsenz adelte, absolvierte Pereira unter dem begeisterten Beifall des vollbesetzten Auditoriums einen blendenden Auftritt.Fast hätte es seine Antrittsrede als künftiger Generalintendant der Deutschen Oper werden können.Doch nicht der schwer angeschlagene Götz Friedrich, der nach der aktuellen Stimmungslage kaum bis zum Ende seiner Amtszeit (Juli 2001) tätig bleiben wird, sondern Pereira selbst baute sich dann doch eine kaum überwindbare Hürde auf: "Niemals", erklärte Pereira nämlich, würde er ein Opernhaus ohne Ballettsparte übernehmen.Genau das aber ist in Berlin das Modell der Zukunft, daran ließ Radunskis Ballettbeauftragter, der Grazer Intendant Gerhard Brunner, im Anschluß an Pereiras Rede keinen Zweifel.Nicht mehr als Opernanhängsel, sondern autonom und unter einem Dach vereint sollen die drei Tanzensembles der Berliner Musiktheater ihr verlorenes Publikum wiedererobern, betonte Brunner.Was nicht bedeute, daß sie darum ihre jeweiligen Bindungen an die Häuser aufgeben müßten.

Das gefiel Pereira aber gar nicht, da wurde er zum Entsetzen des Diskussionsleiters Hans-Joachim Veen gar aggressiv: "Eine Unverschämtheit" sei Brunners Behauptung, er wolle das Ballett der Oper unterordnen, nur weil er gesagt habe, daß sein Chor die Tage, an denen in Zürich Ballett gespielt werde, dringend für die Einstudierung neuer Werke benötige.Er könne "jetzt schon schwören", daß die Truppen immer genau dann für sich beanspruchten, im Opernhaus aufzutreten, wenn es ihm garantiert nicht in seinen Premierenzeitplan passe.Brunners Argument, man könne ja langfristig vorplanen, wollte Pereira nicht hören.Und überhaupt verstehe er gar nicht, warum in Zusammenhang mit dem Ballett in Berlin immer von Sparen die Rede sei: Seine Tanztruppe koste ihn 3,5 Millionen Franken im Jahr, von denen sie 2,5 Millionen selber wieder einspiele.

Da hieß es für den Kultursenator dann doch, sich schützend vor seinen Ballettbeauftragten zu stellen: Erstens stünde der finanzielle Input für Ballett im Gegensatz zu Zürich in Berlin seit Jahren in keinem Verhältnis mehr zum künstlerischen Output, und zweitens werde Brunners Berlin-Ballett-Lösung garantiert umgesetzt.Und dann erklärte Radunski etwas, das ihm vermutlich nicht leicht fiel: "Schade, Herr Pereira, daß wir in Berlin nicht zusammenkommen werden."

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