Kultur : Performance: Craig Venters Albtraum

Carsten Niemann

Es ist dies nicht der Ort, über die Bestuhlung der Berliner Theater zu berichten. Doch in jedem Fall war es eine angenehme Abwechslung für viele Besucher des Maxim Gorki Theaters, als ihnen bedeutet wurde, sie sollten sich sternförmig auf der mit Teppich und Kopfstützen ausgelegten Hinterbühne des Hauses ausstrecken. Anlass war die Uraufführung von "Genom Genesis", einem Projekt des Komponisten und Stimmkünstlers Christian Zehnder. Nachdem das beruhigende blaue Licht verlöscht war, tauchte Zehnder am düsteren Bühnenhimmel auf: an einem Trapez hängend, von Kopf bis Fuss bandagiert wie ein Schwerverletzter. Ein Gott? Ein Mensch? Jedenfalls ein grausam einsames Ich. Bald entrangen sich diesem Wesen esoterische Klagelaute, bald entfuhr ihm tierisches Blöken und schliesslich verfestigte sich alles zu vier, auf alle erdenkliche Weisen ausgestoßenen Lauten: A, G, C, T. Die Kürzel für die vier Informationsbausteine also, mit denen die Baupläne aller Organismen überliefert werden.

Mit steigender Geschäftigkeit begann der wenig vertrauensvolle Demiurg nun zu schaffen. Von unsichtbarer Hand (Projektionen: Sevrina Giard) wollte sich da Vincis Mensch im Zirkel abzeichnen, schien Blut zu dumpfen Herztrommelschlägen durch Organe zu pulsen, setzen sich Bühne oder All in Bewegung. In ihren besten Momenten nahm sich diese Inszenierung aus wie ein Albtraum von Craig Venter. Dabei garantierten der vorsichtige Witz des Schöpfers und die Einfachheit der Lichteffekte, dass aus der Performance kein pseudowissenschaftlich-esoterischer Voodoo-Zauber wurde.

Vielleicht hätte der erzählerische Faden, der hinter den starken Einzelbildern stand, etwas stärker herausgearbeitet werden können, doch die berührende Schlusspointe glich den Mangel aus - und soll deswegen hier nicht verraten werden. Wir werden noch viel hören von Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin. Zehnder und sein Team gehören zu den wenigen Leuten, denen man die vier Lebensbasen gerne zum Experimentieren anvertraut.

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