Kultur : Performance-Festival in Berlin: Vorsprung durch Technik

Jutta Behnen

"Ach, der Tod ja ...", sagt Peter Meining und stolpert in das zentrale Thema seiner Performance. Mehr Worte findet er im Eröffnungsfilm des Performancekunst-Festivals "reich & berühmt" nicht. Dafür um so mehr in seiner Inszenierung "Terrain! Terrain! Pull up! Pull up!", die er mit seiner Partnerin Harriet Maria eingerichtet hat. Eine Serie von Flugzeugabstürzen wird per laufendem Text auf der Leinwand angekündigt. Davor sitzen Pilot und Co-Pilot und starren auf ein überdimensioniertes Cockpit, dessen Knöpfe und Schalter sie nicht kontrollieren können. Im Gespräch mit der Bodenstation (Sprecher aus dem Off: Ben Becker) versuchen sie vergeblich, die Maschine und sich selber zu retten. Der Absturz naht, findet aber nicht statt: Immer wieder wird Film eingespielt, und Dialoge mit den virtuellen Partnern ersetzen die Katastrophe.

Auf ihren Drehsitzen wenden sich die Schauspieler Matthieu Carrière und Christian Kuchenbuch den neben ihnen installierten Kameras zu. Mit Andie McDowell oder Götz George plaudern sie über die Katastrophen des Alltags - und die Zubereitung einer Bouillon aus Menschenknochen.

Im Augenblick des Todes, so heißt es, soll das Leben vor dem inneren Auge vorbeirasen wie aneinandergereihte Filmschnipsel. Doch Todesnähe will sich in dieser Performance nicht einstellen, und die endlosen Katastrophenschleifen drehen sich eineinhalb Stunden um sich selbst. .

Das Leben als zeitlich limitierte Versuchsanordnung zu begreifen, ist einer der Gedanken, der den Aufführungen, die im Berliner Podewil, in den Sophiensälen und im Prater zu sehen sind, zu Grunde liegt. Als Anordnung von Experimenten, in denen "künstliche Sehnsüchte und echte Menschen" erprobt werden - so die Festival-Kuratorinnen Kathrin Tiedemann und Anne Quiñones -, begreift sich das Forum der deutschsprachigen Performance-Szene, die sich in diesem Jahr zum sechsten Mal in Berlin trifft.

Tiedemann und Quiñones geben 42 Veranstaltungen Raum, die sie zum Teil nur aus dem Probenprozess kennen. Die Aufführung selbst ist Teil des Projekts. Dieser Gedanke der größtmöglichen improvisatorischen Freiheit bestimmt das künstlerische Selbstverständnis der Performer. Es ist aber auch eine Abgrenzung von dem "institutionellen Theater", wie Wilhelm Großmann, Geschäftsführer des Podewil es umschreibt. Er meint das parallel stattfindende Berliner Theatertreffen.

Keine Performance ohne zweite Bildebene, zum Beispiel eine Leinwand auf der Bühne, das scheint schon fast Gesetz zu sein. Neben dem Weimarer Projekt Odyssee-Lab, das genau wie Meinings und Marias "Terrain! Terrain!" Darsteller und Videos auf die Bühne bringt, wirkt der Einsatz des altmodischen Overhead-Projektors in "Everest 96 - the summit" schon wieder nett. Eine Gruppe von Überlebenden berichtet auf einer Konferenz ihre Version der Mount-Everest-Tragödie von 1996. Mit Hilfe kleiner Zeichnungen und Diagramme erzählt jeder der fünf eine völlig unterschiedliche Variante derselben Geschichte. Sehr witzig und sehr leicht.

Bis zum 25. Mai kann man sich von den verschiedenen Möglichkeiten der Selbstinszenierung ein Bild machen. Mit Filmen von zwei Altmeistern dieser Kunst, Andy Warhol und dem Trash-Filmer Jack Smith, setzt sich das Festival "reich & berühmt" selbst die Messlatte und muss seinen Anspruch nach neuen Formen und Konzepten noch einlösen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar