Performance-Festival „Männer in Garagen“ : Die letzte Bastion des Mannes

Der Mann ist nur da ganz Mann, wo er spielt: in der Garage. Die Sophiensäle widmen der letzten Bastion der Männlichkeit deshalb ein eigenes Performance-Festival: "Männer in Garagen".

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Performance in einer Garage.
Das Garagentor zur Gegenwelt.Foto: dpa

Mal ehrlich: Männerfantasien kommen im Theater doch meistens zu kurz. Zumindest in der unverstellten Variante. Also nicht blondes, lispelndes Gretchen. Sondern ganz pur. Scharfe Bräute. Fette Bikes. Bier ohne Ende. Man muss den Sophiensälen Respekt zollen, dass sie diesen Missstand erkannt und zu beseitigen versucht haben, mit dem Performance-Festival „Männer in Garagen“. Schon im Ansatz gut gedacht. Garagen sind ja nicht nur der Ort, an dem Nerds ihre milliardenschweren IT-Unternehmen aus der Taufe heben oder schwermütige Musiker den Grunge erfinden. Nein, diese schmucklosen Räume mit Betonboden sind die letzten Refugien freier Testosteron-Entfaltung. Hier dürfen bizarre Hobbys blühen und Bässe wummern. Innovation und Irrsinn.

Auf dem Gelände des Gründergaragenhofs Himmelsbach in Pankow öffnen über ein Dutzend solcher Zweckverschläge ihre Tore zur Gegenwelt. Es fängt gleich vielversprechend an. In der Performance „Erotische Außenreinigung Ihres Pkw ohne Trocknung oder Car Wash“ von Henrike Iglesias nimmt man jeweils zu viert in einem Kleinwagen Platz und wird von einer freundlichen Softporno-Stimme vom Band mit Instruktionen zur fachgerechten Autopflege umsäuselt. Die unsichtbare Fachfrau doziert über den sehr, sehr schmutzigen Stoßfängerbereich. Und bittet: „Jetzt wird der Schweller sauber gemacht. Aber nicht zu ruppig. So sensibel rangehen, wie ich selbst angefasst werden möchte.“ Dazu treten drei Performerinnen im Overall auf, die sich mit derart hingebungsvollem Körpereinsatz der Reinigung widmen, dass der Wagen wackelt.

Der Mann ist nur da ganz Mann, wo er spielt: in der Garage

In der Garage darf geschehen, was draußen, in der feindlichen Normalität, für fragwürdig gehalten würde. Das Duo Burmester und Feigl wappnet sich – der Titel „Zombies vor der Survivalgarage“ gibt die Richtung vor – gegen den Angriff der Untoten. Dazu pflegen sie ein Waffenarsenal aus Hämmern. Und kochen in großen Töpfen Ketchup ein. Das ist nützlich, um im Fall der Belagerung was zum Würzen zu haben. Oder um Blut vorzutäuschen, falls man sich unter die hirnverbrannten Horden mischen muss.

Ein paar Türen weiter huldigt copy&waste im „Rocky Cabinet“ dem großen Sylvester Stallone. Die Garage ist vollgestopft mit Devotionalien. Man kann sich um eine Premium-Mitgliedschaft in diesem Boxklub bewerben. Der Mann ist nur da ganz Mann, wo er spielt. Das wissen auch die Performer Markus & Markus. Wo andere Zinnsoldaten aufmarschieren lassen, haben die beiden eine Miniaturlandschaft gebaut, die von Wagners „Ring“ beschallt wird. Es gibt ein Walhall mit Totenkopftor. Und das „Rheingold“ in Daumengröße. Heiajaheia, nichts ist zu abseitig, um zur Leidenschaft zu werden.

Garagen-Installation in den Sophiensälen.
My car is my castle: Für Autoträume ist Raum auch in der kleinsten Garage – jedenfalls in der Installation der Sophiensäle.Foto: dpa

Von der Garage für Romantiker bis zur Diskurs-Garage

In der Garage der Performance-Romantiker „Lovefuckers“ geht hingegen ein Traum in Erfüllung. Der Ritt auf einer echten Harley. Vor der Projektion einer rasanten Fahrt über die Straßen Berlins darf man sich in den ledernen Sitz sinken lassen und sich wie ein Hells Angel vor der Verhaftung fühlen. Im Film begleiten einen zwei Biker-Kumpels, die das wahre Vergnügen suchen. Also Drogen und Sex. Wobei sie der Pitstopp bei einer Prostituierten eher frustriert. Die war „so kalt“.

Moment. Was soll denn dieser Weicheier-Sound? Hätte es einen doch stutzig machen sollen, dass der Garagen-Parcours von einem Team aus drei Frauen um Sophiensäle-Leiterin Franziska Werner ersonnen wurde? Hätte einem auffallen müssen, dass es neben den Männerhobby-Buden eine „Diskurs-Garage“ gibt (auch wenn davor ein Schild beruhigt „Vortrag fällt aus“)?

Die totale Desillusionierung folgt bei Mitorganisatorin Cora Frost im „Club of New World Bodybuilding“. Zwar sitzt darin ein sehr dicker Mann, der sich Churchill nennt und Würstchengläser für den Fall eines Angriffs aus dem All hortet. Aber das Ziel dieses Clubs ist die „Transmutation“. Hier drin sollen sich in einer Duschkabine mit Riesenteddy Männer in Frauen verwandeln. Was dem Weltfrieden dient. „Keiner der IS-Kämpfer hat rote Lippen“, erklärt Churchill. Ja, weil sie nicht im Varieté singen! Männer, kocht Ketchup ein. Die letzten Bastionen fallen.

„Männer in Garagen“: Wieder am 27. 9., 16–22 Uhr, und 28.9., 16–20 Uhr

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