Kultur : Performance-Kunst: "Mein Körper ist eine Ware" - Wolfgang Flatz im Interview

Herr Flatz[wann haben Sie zuletzt ein Steak geges]

Wolfgang Flatz (48) ist ein Pionier der Performance-Kunst. Der gebürtige Österreicher erregt seit den siebziger Jahren mit "autoaggressiven Performances" Aufsehen, bei denen er seinen Körper als Kunstobjekt ausstellt. Er schockierte das Publikum, indem er die Gewalt gegen sich bis zur Unerträglichkeit steigerte. Der mehrfache Documenta-Teilnehmer und Liebhaber schneller Autos und Motorräder spielte zuletzt in dem Film "Der Kalte Finger" einen Serienmörder und veröffentlichte eine CD. Flatz lebt in München.

Herr Flatz, wann haben Sie zuletzt ein Steak gegessen?

Ich bin Fleischfresser. Der Mensch ist schlechthin das größte Raubtier in der Evolution. Ich hatte mal erwogen, Vegetarier zu werden. Aber das war Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, eine Phase, als zum ersten Mal in den Medien dargestellt wurde, wie Fleisch produziert wird. Doch, wie heißt es so schön: Der Geist war willig ...

das Fleisch war schwach. Unterliegen Sie häufiger Ihren Instinkten?

Immer, wenn ich ihnen nachgab, habe ich dafür bezahlt. Trotzdem sind Emotionen ein sehr sicheres Instrument, um sich mit der Umwelt in Beziehung zu setzen. Als ich in lebensgefährliche Situationen geriet, haben meine Instinkte stets funktioniert.

Sie haben ihren Körper zum Kunstwerk gemacht. Legendär ist, wie Sie sich in der Synagoge von Tiflis kopfüber zwischen zwei Stahlplatten hängten und bis zur Bewusstlosigkeit als menschlicher Glockenklöppel läuten ließen. Auf Ihrer zweiten Platte "Fleisch" sind Sie als gekreuzigter Jesus zu sehen. Sind Sie ein Märtyrer?

Keineswegs. Nichts hat uns Europäer stärker geprägt als das Christentum und dessen Leitsatz: Christenfleisch ist leidendes Fleisch, symbolisiert in der Stigmatisierung durch Christus. Nicht der Flatz ist Christus. Aber in der Weise, wie ich meinen Körper als künstlerisches Material einsetze, bin ich als Opfer immer der Täter.

Indem Sie freiwillig leiden?

Richtig. In diesem Moment kehrt sich etwas um, und man beginnt die Dialektik von Tätern und Opfern zu begreifen.

Als Sie sich 1975 für ein Preisgeld von 500 Mark mit Dartpfeilen bewerfen ließen, haben Sie das Publikum ebenfalls in eine Täter-Rolle hineingezwungen.

Ja, aber in der Opfer-Funktion. Der Clou bestand ja darin, dass ich die Menschen in eine Situation brachte, in der sie Täter wurden. Ich wollte die Grenze ausfindig machen, an der die kulturelle Überformung, unsere anerzogene Moral, plötzlich zerbricht und das Raubtier auftritt.

Waren Sie zufrieden, als Sie von dem Dartpfeil getroffen wurden?

Eine Befriedigung war es nicht, aber eine Bestätigung. Ich hatte mit den Veranstaltern eine Wette abgeschlossen, die glaubten, dass niemand auf mein Angebot eingehen und mich bewerfen würde - 1000 Mark. Ich war mir aber sicher, dass geworfen werden würde. Das hatten mir frühere Arbeiten gezeigt. So war ich schon aus geringeren Anlässen verhaftet und ins Irrenhaus eingeliefert worden. Aber ich spürte, dass diese Auftritte eine Kraft besaßen, auf die andere reagieren mussten. Sie hatten ein zerstörerisches Moment, das Normen aufbrach.

Ist es nicht furchtbar, wenn sich zwar Ihre These bestätigt, Sie aber verletzt werden?

Während ich eine Arbeit realisiere, bin ich eiskalt. Ich habe drei Jahre in einem Münchner Schaufenster gelebt. Es bedarf einer starken psychischen Konstitution, um das auszuhalten. Seitdem bin ich gegen Erniedrigungen gefeit. Emotionen dürften auch keine Rolle spielen. Außerdem haben meine "Stücke" stets gespalten, was eine außerordentliche Qualität der Arbeit ist.

Ihnen wird vorgeworfen, ein Selbstdarsteller zu sein. Das liegt nahe, weil Ihr Werk von Ihrem Leben schwer zu unterschieden ist.

Auch wenn mir Bewunderung zuteil wird, mit Eitelkeit hat das nichts zu tun. Als ich mich entschloss, Künstler zu werden, bedeutete das für mich, der Kunst mein Leben zu widmen. Ich wusste schon während meiner Goldschmied-Lehre, dass mein Denken so kleinkariert und groß werden würde wie die Schmuckstücke, die ich herstellte. Das aufzusprengen wirkt ein Leben lang nach. Ich habe eine verlorene Kindheit gehabt und war bis dahin ein verstockter, schüchterner Junge gewesen.

Eine verlorene Kindheit?

Das Erziehungsideal meines Vaters entstammte dem 19. Jahrhundert. Meine Geschwister und ich mussten funktionieren, sonst wurden wir bestraft, was ich als ungeheuer schmerzhafte Erniedrigung empfunden habe. Eines meiner prägendsten Erlebnisse hatte ich eines Sommers, als mich meine Eltern auf die Alm schickten, um einen Fresser weniger zu haben. Dort hatte ich als "Hüttebub" das Jungvieh des Dorfes in meiner Verantwortung. Das war ein Ritual: Wenn du kein Tier verloren hattest in der Zeit, gab es den geschmückten Almabtrieb, wenn du eines verloren hattest, gab es den schmucklosen. Das war auch eine Entehrung, weil man seiner Verantwortung nicht gerecht geworden war. In jenem Sommer verlor ich das ganze Vieh, weil in dem Stall ein Blitz einschlug und sämtliche Tiere verbrannten. Der einzige Kommunikationspartner, den ich hatte, war ein Hund. Der befand sich auch in dem Stall. Durch das Gewitter hindurch konnte ich das Brüllen der verbrennenden Rinder hören, und durch das Brüllen der Herde hindurch habe ich das Schreien des Hundes gehört. Das war ein akustisches Erlebnis, das ich nicht wieder vergessen habe.

Fühlten Sie sich als Versager?

Nein, keineswegs. Ich war eigentlich dann auch ein Held. Mit mir waren zwei alte Tanten dort oben. Eine 80 Jahre alt, die Gicht hatte, im rechten Winkel abgebeugt war und nie ein Wort sprach. Die andere, ihre Schwester, war 70, hatte einen Faust großen Kropf am Hals und gab nur Kommandos. Sie konnten sich auch retten. Am nächsten Morgen bin ich im Nachthemd und barfuß bei starkem Unwetter zweieinhalb Stunden ins Dorf abgestiegen, um Hilfe zu holen. Da war ich ein Held.

Wie gelangten Sie später zu der Überzeugung, dass es bei Ihren Arbeiten um Ihren Körper gehen würde?

Mich interssierte als Goldschmied immer stärker die Frage, wo kommt Schmuck her und welche Funktion übernimmt er. Heute sagen Schmuckstücke nichts mehr über ihren Träger aus, sie sind Dekoration. Nur noch in ganz wenigen Fällen lassen sie soziale Differenzierungen zu - wer einen Fünfkaräter am Finger trägt, hat entweder sehr viel Geld oder ihn gestohlen. Es lag also nahe, sich dem Körper zuzuwenden.

Der ist jetzt von zahlreichen Tatoos bedeckt. An Ihrem Arm sehe ich einen Strichcode. Ist Ihr Körper eine Ware?

Ja, mit der Entscheidung, ihn als Material zu sehen, ist er zur Ware geworden.

Was unterscheidet Sie von einem Popstar?

Ich werde nicht reich. Aber im Ernst: Ich müsste aufhören, sobald der Prozess zum Stillstand kommt. Bald werde ich 50, aber ich tue immer noch Dinge, die selbst 20-Jährige sich nicht trauen. Gerade Jugendliche finden das eher geil, dass sich da jemand riskiert und nicht danach fragt, was es ihm einbringt - in einer Zeit, in der alles versichert ist oder abgeschrieben werden kann.

Eine Ihrer Stärken war die Weigerung, sich zu erklären. Seit Sie Musik machen, hat Sie ein starkes Mitteilungsbedürfnis befallen. Wollen Sie endlich verstanden werden?

Ich betrachte meine Arbeit an "physical sculptures" im Prinzip als beendet, da der Gattungsbegriff der Skulptur seinen Zenit überschritten hat. Meine musikalischen Projekte sind "media sculptures", mit denen ich am schnellsten die erreichen kann, die mich interessieren: die Jugend.

Dabei werden Sie von Musikern wie Karl Bartos von "Kraftwerk" unterstützt. Wollten Sie je selbst Musiker werden?

Ich habe mal in einer Punkband gespielt. Wir machten primitiven Techno auf selbst gebastelten Instrumenten. Zu meinen Freunden zählen bis heute vor allem Musiker und DJs, die mich viel eher geprägt haben als bildende Künstler. So fühle ich mich heute wieder an meine Hippiezeit erinnert, deren Slogan, "Love & Peace", von der Technogeneration wieder aufgegriffen wird. Sie sagt allerdings: "Love & Unit" - und ist viel weiter. "Peace" hat immer Krieg bedeutet, weil man für Frieden kämpfen muss.

"Fleisch" ist unter anderem von Tanith remixed worden. Aufsehen hat erregt, dass Sie für die Performance eine tote Kuh an einen Hubschrauber hängen und abwerfen wollen. Ist das ein Kommentar zur BSE-Krise?

Welche Assoziationen das weckt, darauf habe ich keinen Einfluss. Zwangsläufig wird man auch an BSE denken. Doch wenn im Gebirge ein Rind abstürzt, wird es vom Hubschrauber abgeholt. Es muss wegen der Seuchengefahr entsorgt werden. Das habe ich oft genug erlebt, wie ein Hubschrauber ein totes Vieh ins Tal geflogen hat. Ich will Bilder erzeugen, die ich zwar im Kopf herumtrage, aber noch nicht gesehen habe.

Können Sie sich die als Akteur anschauen?

Das ist mein Dilemma: Dass ich die Bilder niemals sehen werde.

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