Kultur : Performance zwischen Porree und Petersilie

FRANK PETER JÄGER

Anu Juuraks Arbeit "Der Zug" ist ein zauberischer Gruß aus der Landschaft ihrer Heimat an die Welt: Über 200 Kilometer fuhr sie in klapprigen Bummelzügen auf Nebenbahnen quer durch Estland, vom äußersten Süden des Landes bis in den Norden, ans Meer. Videokameras filmen den Blick aus dem Zugabteil; vor dem Fenster zieht das ebene, unendlich weite Land vorbei. Felder, kleine Wäldchen und stille Dörfer säumen den Weg, im Hintergrund ist das rhythmische Fauchen der Dampflok zu hören. In der Ausstellung rollt diese Landschaft an den Wänden einer abgedunkelten Kammer auf zwei Reihen einander gegenübergestellter Bildschirme ab. Nur beinahe machen sie den Betrachter glauben, er blicke selbst durch die Fenster des Bummelzugs ins Land. Und doch ist alles anders: links des imaginären Schienenstrangs liegt eine tief verschneite Landschaft, rechts dagegen steht das Korn hoch auf den Feldern. Auf der einen Seite der lichtlose Winter, der schwermütig macht, auf der anderen der Sommer mit seinen euphorisierenden, weißen Nächten - die zwei Gemütspole der Esten.Die Videoinstallation der estnischen Künstlerin ist zusammen mit den Arbeiten ihrer Landsleute Siim-Tanel Annus und Liina Siib in der Berliner Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) zu sehen. "Passagen - Kunst aus Estland" präsentiert Arbeiten von drei Künstlern der Nachwuchsgeneration, die ihren Durchbruch nach der politischen Öffnung der Sowjetunion Ende der achtziger Jahre erlebten.Liina Siib kletterte durch eine stillgelegte Papierfabrik in Tallin und nahm die riesigen, ausgeweideteten Hallen auf. Wo früher gewaltige Zellulosekessel standen, durchziehen jetzt weite, durch alle Etagen reichende Öffnungen das wüste Gebäude. Liina Siib legte sich auf den Boden und fotografierte die Öffnung; auf ihrem Foto aber glaubt man, in die Tiefe zu blicken. In Anspielung auf eine am Ende der Renaissance entstandene Folge von Piranesi-Stichen nannte sie ihre Serie "Le Carceri" - die Gefängnisse. Wie Piranesis Arbeiten zeugt das labyrinthische, nutzlos gewordene Fabrikgehäuse von einem Epochenbruch, dem Ende des Industriezeitalters. Die Fotos bearbeitete sie so lange, bis die Ansicht der Hallen körnig wirkt wie in einer Radierung und kaltblaues Licht sie dominiert.Siim-Tanel Annus nahm 1997 für Estland an der Kunst-Biennale in Venedig teil. In Berlin ist der Este nun mit großflächigen Farbarbeiten vertreten, die ihren Reiz aus einer bewegten Sand-Leim-Oberfläche und dem Rhythmus der in die Fläche eingefrästen Kreisformen ziehen. Seine Arbeiten arrangiert er in Gruppen von sechs und mehr Bildern. Immer wieder variiert Annus das Thema Kreis, mal mit verschiedenen, einander überlagernden Farbebenen, mal monochrom weiß. Er ist ein Mann vieler Eigenschaften: In der Sowjetzeit nicht in den Künstlerbund aufgenommen, verdiente Annus seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Gemüse und Blumen, die er in seinem Talliner Garten zog. Immer im Spätsommer feierte er ein Erntedankfest der besonderen Art - ein archaisches nächtliches Spiel mit Fackeln und Masken. "Ritus" nannte er die Aktionen. "Das Wort Performance kannte ich damals noch gar nicht", so der Künstler. Als zuletzt an die 400 Menschen zu den Spektakeln in seinen Garten strömten, wurden die Behörden unruhig, erzählt er vergnügt.Diese erfrischende, noch fest im Leben verwurzelte Unmittelbarkeit gibt dem künstlerischen Schaffen der ausstellenden Esten große Authenzität. Die Frage, ob sie im Austausch mit den Strömungen westlicher Kunst stehen, erübrigt sich fast; die politische Öffnung erlebten sie als Befreiungsschlag. "Meine Gemüsebeete liegen heute brach", sagt Annus. "Ich bin zu oft im Ausland unterwegs, außerdem kann ich heute von meiner Kunst leben."

Neustädtische Kirchstraße 15, bis 11. Juli.Di bis So 14-19 Uhr, Katalog 18 DM.

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