Pergamonmuseum : Die Götter sind zurück

Erst Rio, jetzt Berlin: Die Götter aus der Antikensammlung kehren ins Pergamonmuseum zurück. Bis 15. Juli werden sie dort zu sehen sein.

Christina Tilmann
Statuen
Jugendschön: Statue des Dionysos, Rom, 1. Jh. v. Chr. -Foto: Joh, Laurentius, SMB, Antikensammlung

Die Götter sind heimatlos geworden, sie gehen auf Reisen. Während die Dresdner Antiken die Umbauzeit ihres Heimatquartiers Albertinum mit einem Madrid Gastspiel überbrücken, kehren die Berliner Statuen von einer Brasilien-Tournee zurück. Im Sommer 2006 war die Präsentation der Berliner Antikensammlung das Kulturereignis in São Paulo: 190 eigens für die Ausstellung restaurierte Objekte waren im dortigen Kunstmuseum zu Gast, in höchst aufwendiger Präsentation mit nachgebautem Pergamonaltar, einem an die Rotunde des Alten Museums erinnernden Götter olymp samt Sternenhimmel und einem römischen Garten mit Teich und Buchsbaumhecken. Über 260.000 Besucher sahen die Ausstellung, die wegen des großen Erfolgs danach in Oskar Niemeyers expressives Spätwerk in Niterói bei Rio weiterwanderte. „Die Götter sind unter uns“, titelten die lokalen Medien.

Nun ist die in Brasilien so erfolgreiche Präsentation mit einiger Verspätung doch noch auch in Berlin zu sehen, im Obergeschoss des Nordflügels des Pergamonmuseums. So opulent wie in São Paulo sind die zumeist kleineren Säle nicht geraten, man brauchte den Pergamonaltar hier ja auch nicht nachzubauen. Aber vor hellgrün-, hellblau- und knallrotem Grund wirken die restaurierten, locker gestellten Skulpturen dennoch so prächtig wie nie. Seltsames Zusammentreffen: Da gibt sich eine seit Jahren durch die deutschen Museen tourende Ausstellung der Münchner Glyptothek die größte Mühe zu belegen, dass die griechischen Göttergestalten keineswegs weiß, sondern im Gegenteil knallbunt bemalt waren, und in Berlin setzt man einmal mehr auf die edle Anmut, stille Größe des marmorweißen Götterbilds.

Es ist ein Grundkurs in griechischer Mythologie, den Kuratorin Dagmar Grassinger gemeinsam mit ihrem brasilianischen Kollegen Tiago de Oliveira Pinto angerichtet hat: Raum für Raum werden einzelne Göttergestalten vorgestellt, die Vatergottheiten Zeus, Poseidon, Hades, die Muttergottheiten Hera und Demeter, die Geschwister Artemis und Apollon, die verführerische Aphrodite, die mächtige Athene und Nebengottheiten wie Asklepios oder Hermes. Dazu Räume zum Dionysoskult und seinem Fortwirken im antiken Theater, zu Heiligtümern und Opferritualen, praktischerweise mit einer Diashow antiker Stätten, und zum Abschluss eine Dokumentation des Tourneeerfolgs in Brasilien. Die ganze Götter-Soap, mit ihren familiären Verflechtungen und Rivalitäten: Schulklassen sei der Besuch dringend empfohlen.

Der dominante Bildungsgedanke verdankt sich dem brasilianischen Kooperationspartner: Die Fundação Armando Álvares Penteado, die die brasilianische Präsentation sowie die Restaurierung der Statuen finanziert hatte, ist eine auf Bildungsarbeit ausgerichtete Privatstiftung. Sie hatte zuvor schon die außerordentlich erfolgreiche Afrika-Ausstellung aus den Beständen des Ethnologischen Museums in São Paulo und Rio de Janeiro initiiert – auch diese Präsentation wurde bei der Rückkehr nach Berlin übernommen. Und wie bei Afrika war auch bei den Antiken in Brasilien Grundlagenarbeit zu leisten. Es war die erste Antikenausstellung überhaupt auf dem lateinamerikanischen Kontinent. Die Verbindung zur mindestens ebenso menschlichen lateinamerikanischen Götterwelt zogen fast alle Medien. „Für viele Tausend brasilianischer Schulkinder waren die Götter zum Greifen nah“, erinnert sich der Gesandte der brasilianischen Botschaft, Roberto Colin, bei der Eröffnung.

In Berlin hat die Ausstellung jedoch noch eine andere, wesentliche Komponente. Der Titel „Die Rückkehr der Götter“ meint ja nicht nur die Rückkehr von der Brasilien-Tournee, sondern überhaupt die Rückkehr der Objekte ins öffentliche Bewusstsein, aus dem sie siebzig Jahre verschwunden waren. Große Teile der Berliner Antikensammlung waren 1939 ausgelagert und 1945 nach Russland verbracht worden. Von dort kamen sie 1958 nach Ost-Berlin zurück – der 50. Jahrestag der Rückgabe der Berliner Museumsschätze ist am 30. Oktober im Pergamonmuseum feierlich begangen worden, und schöner wäre es gewesen, die Ausstellung hätte schon dazu eröffnet. Doch weil die Statuen bei ihrer Rückkehr aus Russland 1958 zum Großteil beschädigt waren und die Fachkräfte zur Restaurierung fehlten, wanderten sie zunächst ins Depot. Erst die Restaurierungszusage der brasilianischen Kulturstiftung 2006 ermöglichte es, sie wieder in ausstellungsfähigen Zustand zu versetzen.

Beim Rundgang durch die Ausstellung traut der Besucher seinen Augen nicht: diese Schätze, siebzig Jahre im Depot? Hauptwerke wie die fast zwei Meter große Skulptur des Apollon, die wohl aus den Gärten des Kaisers Hadrian bei Tivoli stammt, oder die ehrfurchtsgebietende Athene mit Schlangengürtel, der liebliche Dionysos, der schlafende Eros oder die spektakuläre Statue eines Schauspielers als Papposilen im minutiös ausgearbeiteten Schaffellgewand, dazu Vasen mit Darstellungen des Parisurteils oder einer Götterversammlung, und all das kannte man so lange Jahre nicht?

Die Antikensammlung erklärt das mit dem veränderten Kunstgeschmack im 19. Jahrhundert, der die römischen Kopien neben den griechischen Originalen bald nicht mehr zu schätzen wusste und sie daher ins Depot verbannte. Doch seit den späten Sechzigerjahren ist international eine Neubewertung der so lange verpönten römischen Kopistenkunst im Gange. In Berlin ist sie jetzt erst auch in der Öffentlichkeit angekommen. Wer weiß, was noch alles im Depot lagert.

Die Rückkehr der Götter, Pergamonmuseum, bis 5. Juli 2009, täglich 10 bis 18, Do bis 22 Uhr. Katalog (Schnell & Steiner) 29,90 Euro

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