Kultur : Perkussives Feuerwerk im Haus der Kulturen

Jochen Metzner

Viel größer könnte die Herausforderung wohl kaum sein, allzu unterschiedlich scheinen die stilistischen Vorgaben: Während der südindische Trommelvirtuose Palghat R. Raghu die Welt bereits in den Siebziger Jahren etwa an der Seite Ravi Shankars mit den musikalischen Reichtümern seiner Heimat beglückte, sind die beiden Berliner Ulli Bartel (Violine) und Gesine Conrad (Cello) ganz in der Tradition europäischer Klassik aufgewachsen. Nur drei Tage Zeit bot ihnen das Berliner Workshop-Projekt "The Back Room", um zueinander zu finden. Das finale Konzert im Haus der Kulturen der Welt läßt jedoch vom ersten Moment an spüren, daß die tonalen Grenzgänger aus Überzeugung eigentlich ja gar nichts anderes suchen als die hörbar riskante Begegnung mit dem wundersam Fremden - nicht selten erweist es sich letztlich ja als bisher nur verdeckter Teil eigenen Seins. Schon in dem Stück "The Rising Sun" setzen die Musiker auf eine weit stärkere Strukturierung als sie etwa den indischen Ragas eigen ist. Nach den Eröffnungsthemen mit ihren wohl unvermeidlichen Déjà Vu-Effekten können die Berliner Streicher immer wieder beweisen, dass sie zu Recht als neue Stars der hiesigen Improvisations-Musik gelten. Mit ihren unsteten Schwebeklängen, mit ihren schillernden Dissonanzen bringen sie ein Moment plastischer Expressivität in ihr klassisches Instrumentarium ein. Nach verhaltenem Beginn greift Trommel-Teenager Anantha R. Krishnan, 15-jähriger Enkel Raghus, ihre schrägen Kantilenen immer präziser auf und geht mit seinen zehn Fingerspitzen bald schon wie behext zu Werke. Wenn dann Großpapa auch noch einfällt, scheint die Sonne regelrecht zu explodieren im perkussiven Feuerwerk über dem musikalischen Mehrstromland.

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