Kultur : Perlen aus der Tiefe

FRANK PETER JÄGER

Sie halbierte dem jungen Mädchen das Gesicht, trennte es entlang des linken Augenbogens bis quer über die Lippen auf.Und dennoch hat sie es nicht verletzt.Keine Spur von Destruktion - eine hoch aufgetürmte Wolkenbank hat sich zwischen die Wangen des Mädchens geschoben.Auf einmal mag man sich ihr freundliches Anlitz gar nicht mehr anders vorstellen, als aufgelöst schwebend zwischen Horizont und den in der Sonne leuchtenden Wolken.Die Fotomontage Elfriede Stegemeyers aus dem Jahre 1932 gehört zu den Glanzstücken einer Ausstellung zum fotografischen Werk Stegemeyers im Bauhaus Dessau.Nur sechs Jahre lange beschäftigte sich die universelle Künstlerin mit Fotographie; die in Dessau gezeigte Auswahl von 130 Arbeiten entstand in der kurzen Spanne zwischen 1932 und 1938.

Stegemeyer, 1908 geboren und in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, wurde bis in ihr siebtes Lebensjahrzehnt nicht müde, sich immer neue bildnerische Ausdrucksformen zu erschließen.Neben der Fotografin steht die Malerin, Graphikerin und Trickfilmerin.Mit großer Unbefangenheit erprobt sich Stegemeyer schon während ihrer 1932 begonnenen fotografischen Ausbildung an den Kölner Werkschulen in einer Reihe von fotokünstlerische Genres der Zeit - Stilleben ebenso wie naturalistische Dokumentaraufnahmen, Fotocollagen und Fotogramme.Neben fotografischen Collagen gilt das Hauptinteresse Stegemeyers aber Aufnahmen alltäglicher Gegenstände, die sie mit fotografischer Raffinesse gerne bis an den Rand der Abstraktion verfremdet.

Einen besonderen Faible hat die Fotografin für gefüllte Wassergläser - leer und gefüllt, mit Hand oder Teelöffel.Stilleben, die leben, und sei es durch die Kohlensäurebläschen, die vom Grund des Wasserglases emporsteigen.Eine gläseren, wassergefüllte Kanne mit drei Orangen, die sie 1933 aufnahm, scheint von innen her zu leuchten.Obwohl diese Sujets seit Mitte der zwanziger Jahre von einer Reihe von Foto-Künstlern des "Neuen Sehens" bereits erkundet worden waren, gelangt Stegemeyer dennoch zu höchst eigenständigen Ergebnissen.Die Virtuosität, mit der sie nach nur wenigen Jahren das Medium beherrscht, ist beeindruckend.Desto unverständlicher bleibt, weshalb sich Stegemeyer nach 1938 für immer von dem Medium Fotografie abwandte.

1935 lernt sie den früheren Dadaisten Raoul Hausmann kennen, mit dem sie für einige Monate eine stürmische und höchst schöpferischen Liaison hegt.Ihre während der Zeit mit Hausmann auf Ibiza entstandenen Fotografien zeugen von Wochen, in denen beide hingebungsvoll dem mediteranen Licht huldigen.Begierig fängt die Kamera die Brechung der gleißenden Sonne an den in archaisch-kubischen Ensembles über dem Meer aufgetürmten weißen Städte ein, ebenso Olivenbäume, Windmühlen und Kakteen.

Bauhaus Dessau, bis 13.Juni; Katalog 42 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar