Kultur : Perlen der Epochen

ELFI KREIS

Berlins Kultursommer - in diesem Jahr an glanzvollen Ereignissen in den Museen nicht eben arm - ist um eine Publikumsattraktion reicher.Nicht weniger als "Eine Quintessenz der Zeichnung" verheißt die Schau der Meisterwerke aus fünf Jahrhunderten von der Hochrenaissance bis zur Gegenwart in ihrem Untertitel, die die "Deutsche Guggenheim Berlin" als ihre dritte Ausstellung soeben eröffnet hat.Daß der Ausstellungsdialog zweier Sammlungen von Weltrang wie der Wiener Albertina und des Salomon R.Guggenheim Museum in New York eine Galaschau werden würde, war dabei nicht die Überraschung.Schließlich feierte die Ausstellung ihre Premiere bereits 1997 erfolgreich im New Yorker Stammhaus des Guggenheim Museums.

Exakt 89 Zeichnungen haben Konrad Oberhuber, der Direktor der Graphischen Sammlung der Albertina, und Thomas Krens, der Chef der Salomon R.Guggenheim Foundation, ausgewählt und bieten sie nun klar und übersichtlich dem Besucher im gedämpften Licht dar.In den offenen Kabinetten, die immer wieder überraschende Sichtachsen auftun und Querverbindungen zwischen den Jahrhundertsprüngen erlauben, stört nichts die konzentrierte Betrachtung.Klangvoll die Liste der Künstlernamen.Geboten wird eine Starbesetzung von achtzehn Meistern ihrer Zeit.Der exemplarische Überblick über die Zeichenkunst, der kein Gesamtüberblick mit Anspruch auf Vollständigkeit sein will und kann, beginnt mit der Hochrenaissance: mit Albrecht Dürer und Raffael.Der Auftritt in den Anfangsjahrzehnten gebührt der Albertina.Beginnend mit dem frühesten Werk, einer Silberstiftzeichnung Dürers von 1486, dem Bildnis seines Vaters und Goldschmieds Albrecht Dürer des Älteren.Jeweils auf fünf Blätter eines Künstlers konzentriert sich die Auswahl.Die Albertina läßt sofort an Dürer denken, doch zählen die Arbeiten Raffaels zu den Beständen, die andernorts Vergleichbares suchen: ein Blatt mit Madonnenstudien, die er alle in seiner Florentiner Zeit ausarbeiten wird, und eine Studie zu Pythagoras mit seinen Schülern in der Schule von Athen für die Stanza della Segnatura oder die "Cumäische Sybille" in Rötel.Zu beiden gesellt sich zum Entreé als dritter ein weiterer, oft noch unterbewerteter Italiener aus Urbino, Federico Barocci, von dem die Albertina wenige, aber besonders schöne Arbeiten besitzt und zeigt.Zum ästhetischen Hochgenuß gerät die Gegenüberstellung Rembrandts mit seinem Zeitgenossen Peter Paul Rubens aus der weltberühmten Rubenssammlung der Albertina.Vorbei an den detailverliebten Landschaften Claude Lorrains führt der Gang vom Barock zum französischen Rokoko, den kunstvollen Parklandschaften und Allegorien von Jean-Honoré Fragonard.

Mit dem Eintritt ins 19.Jahrhundert begegnen sich nun die beiden Sammlungen.Die Albertina rückt den hierzulande weniger bekannten Rudolph von Alt, den Zeitgenossen Menzels, besonders ins Licht.Vor allem aber betritt nun das Wiener Kunsttriumvirat Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka die Ausstellungsszene: präsentiert mit einer qualitätvollen Vielfalt an Werken, wie sie so nur aus einem der großen Museen dieser Stadt kommen kann.Paris rückt als zweites der bedeutendsten Kunstzentren mit dem Postimpressionisten Georges Seurat in den Blickpunkt.Damit tritt die Guggenheim Foundation ins Geschehen ein.Es folgen die Picassos, teilweise aus der berühmten Thannhäuser-Collection des Guggenheim.Nun folgen beispielhafte Werke der wegweisenden Vertreter der frühen Moderne, die geradezu als Synonyme für das Guggenheim gelten dürfen: Wassily Kandinsky und Paul Klee.Sie bilden - so Krens - den Brückenschlag von den von der Albertina besonders gepflegten klassischen Traditionen der Gegenständlichen Kunst und den weitverzweigten Wegen der ästhetischen Praxis des 20.Jahrhunderts.Über traditionelle Vorstellungen von Zeichnung weit hinaus weisen die alchimistischen Arbeiten von Beuys mit Eisenchlorid, seine Partituren ebenso wie die grandiosen Experimente Robert Rauschenbergs.Mit Rauschenbergs sogenannten "Transfers" - zunächst auf Papier durchgeriebener, später übertragener Zeitungs- und Magazinbilder, die er mit deckenden und transparenten Wasserfarben, Bleistift, Kreide überarbeitet - kommt die Schau in der Gegenwart an.Ergänzt um herausragende Arbeiten Arshile Gorkys beendet Rauschenbergs vielschichtige Kunst, die "jedermanns Phantasie den nötigen Raum gibt", die Ausstellung mit einem brillanten Finale im erlauchten Künstlerkreis.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13-15, bis 6.September; täglich 11-20 Uhr, Montag freier Eintritt.Katalog 49 DM.

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